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Full text of "Beitraege Zur Geschichte Koenig Richards Von Cornwall"

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HISTORISCHE STUDIEN 


VERÖFFENTLICHT 


VON 


E. EBERING 

DR. PHIL. 


HEFT LXV 

BEITRAGE ZUR GESCHICHTE KÖNIG RICHARDS VON CORNWALL. 
VON DR GEORG LEMCKE. 


BERLIN 1909 


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Original fro-m 

UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Beiträge zur Geschichte 


König Richards von Cornwall. 


Von 


Dr. Georg Lemcke. 




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Reprinted from a copy in the collections of 
The New York Public Library 


Printed in the 


United States of America 


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Meinen lieben Ellern 

in Dankbarkeit. 


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Inhalt und Ergebnisse. 

I. Dl« deutsche Thronkandidatur und die europäischen Mächte. S. 8—19 
Schwierigkeit einer Neuwahl. — Das entschlossene Vorgehen des 
rhein. Städtebundes. — Die ergebnislosen Wahltage. — Die Einmischung 
der fremden Mächte hat ein günstiges Resultat verhindert. — Das 
Hauptinteresse der Mächte ist.'dabei auf den Besitz Italiens gerichtet. — 
Der Brief Heinrichs III. an Wilhelm Bonquer vom 27. März 1256. — 
Passive Haltung des Papstes. — Die Wahl Alfonsos vom 18. März 1256 
durch Pisa ist von Alexander IV. wie auch von Frankreich begünstigt 
worden. — Offenes Vorgehen Heinrichs III.' am 12. Juni 1256. — 
Offene Stellungnahme des Papstes für Alfons am 1. Juli 1266. — 
Die beiden Parteien in Deutschland. — Die Stellung des Trierer Erz¬ 
bischofs. — Die Doppelwahl. — Anknüpfung von Friedensverhand¬ 
lungen von Seiten Heinrichs III. mit Frankreich seit dem 20. Februar 
1257. — Der Gedanke, von einem ausländischen Herrscher regiert zu 
werden, besass für die Deutschen damals nichts Ungeheuerliches. — 
Die Einmischung der fremden Mächte am Ende des 12. Jahrhunderts. 

— Die Politik der Staufer und ihre Entfremdung vom Reiche. — Der 
internationale Zuschnitt der.höfischen Gesellschaft. 

II. Von der Wahl hie zur Kränung. S. 19—29 

Glocester, Mansel und Avesnes als Prokuratoren Richards in 
Deutschland nach der Wahl vom 13. Januar. — Das März-Parlament 
in London. — Ankunft der Deutschen Anfang April. — Das Kanzler-, 
das Marschall- und das Truchsessamt ist erst bei der Belagerung 
Boppards verliehen worden. — Die englischen Begleiter des Königs. — 
Aufbruch Richards und seines Gefolges mit den Deutschen am 10. 
April. — Verzögerung in Yarmouth. — Landung in Dortrecht. — Die 
Haltung der Stadt Aachen. — Ankunft vor Aachen und Einzug am 
11. Mai. — Die Krönung in Aachen am 17. Mai. 

III. Die Stellung dee Pfalzgrafen in Jahre 1257. S. 29—34 
Ludwigs Stellung vor der Wahl Richards. — Ludwigs Abwesen- 


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heit bei der Krönung in Aachen, in Köln und bei der Belagerung von 
Boppard. — Infolge der feindseligen Haltung Ottokars von Böhmen 
ist Ludwigs Anwesenheit in Bayern notwendig. — Richards Stellung¬ 
nahme in den bayrisch-böhmischen Streitigkeiten. — Rückkehr Ludwigs 
nach dem Rhein Anfang Juli, in der Hoffnung, mit Richard gegen den 
Trierer zu Felde ziehen zu können. — Rückkehr nach Bayern. 

IV. Richard von Cornwall nnd Arnold von Isenburg. S. 35—44 
Arnolds Stellung vor der Wahl Richards und seine Beweg¬ 
gründe. — Die Besetzung der Pfalz bei Boppard ein Versuch 
Arnolds, dem König den Weg zu sperren. — Das Gefecht bei 
Boppard. — Richards Entschluss, gegen Arnold zu Felde zu ziehen. — 
Anerkennung der Stadt Andernach am 24. Juni 1257. — Die un¬ 
günstige Lage Arnolds. — Wiederanknüpfung der Friedensverhand¬ 
lungen Heinrichs III. mit Frankreich seit dem 22. Juni. — Aenderung 
der königlichen Politik bis zum 29. Juni. — Richard verheert bei 
seinem Zuge nur das Gebiet des Trierers und strebt im übrigen da¬ 
nach, die Städte am Rhein weiter für sich zu gewinnen. — Vorteile 
dieser Politik. — Die Umkehr bei Weissenburg am 20. Sept. ist mit 
auf diese Politik zurückzuführen. — Verhandlungen mit Arnold im 
August 1258. — Arnold bleibt bis zu seinem Tod ein Feind Richards. 

V. Richards erster Aufenthalt in Mainz. S. 44—52 

Einnahme Boppards am 21. oder 22. August — Einzug in Mainz 
am 25. August. — Anwesenheit des Bischofs von Strassburg daselbst. — 
Anerkennung Schlettstadts am 28. August. — Huldigung der Städte 
Frankfurt, Gelnhausen, Wetzlar, Friedberg und Nürnberg am 8. Sept, 
durch Vermittlung Gerhards von Mainz und Heinrichs von Strass¬ 
burg. — Ausstellung von zum grössten Teil neuen Privilegien. — 
Aufbruch der meisten von den englischen Begleitern Richards; ihre 
unbedeutende ftolle am Hofe des Königs. — Langsame und zögernde 
Anerkennung Oppenheims vom 13.—16. Sept; Verleihung gänzlich 
neuer Privilegien. 


VI. Richards erste Erfolge in Italien. S. 52—64 

Richards Streben nach der Kaiserkrone zeigt sich deutlich schon 
gleich nach der Krönung in Aachen. — Passives Verhalten Alexan¬ 
ders IV. bis zum Herbst 1257. — Bündnis Alfonsos mit Ezzelin und 
mit Padua. — Alfons stellt seine Ankunft in Oberitalien in Aussicht. — 
Anerkennung Richards durch die päpstlich gesinnten lombardischen 
Städte bis Januar 1258. — Schwenkung des Papstes zu Richard hin¬ 
über zu derselben Zeit. — Aufbruch des Magister Arlotus von Viterbo 
nach dem 29. Dezember 1257. — Sein Auftrag an Richard. — Zwei 


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Briefe Gregors von Montelongo und ihre Datierung. — Vorbereitungen 
Richards zum Römerzuge. — Zögerung des Papstes mit der offiziellen 
Berufung, als Alfons sich gehindert sieht, nach Italien aufzubrechen. — 
Richard verzichtet für den Augenblick auf den Römerzug und richtet 
sein Streben auf den Frieden mit Frankreich. — Offene Stellungnahme 
des Papstes für Richard März 1259. 

VII. Zur Geschichte de« Bischofs Johann von Lttbeok. S. 64—71 
Vor dem 4. März 1258 hat Joh. von Diest seine Reise nach dem 
Rhein nicht angetreten. — Zweck der Reise. — Zusammentreffen mit 
Magister Arlotus in Kaiserswerth, Ende März oder Anfang April 1258. — 
Anerkennung Richards. — Kurzer Aufenthalt in Brabant. — Der Brief 
an die Bürger von Lübeck, der sie zur Anerkennung des Königs be¬ 
wegen soll, ist zwischen dem 16. Juni und dem 25. Juli 1258 ge¬ 
schrieben worden. — Verhandlungen mit Arnold von Isenburg 
August 1258. — Aufbruch nach Lübeck im Oktober des Jahres. — 
Versöhnung mit den Grafen von Holstein. — Aufenthalt in Lübeck 
bis April 1259. — Nochmalige Reise nach dem Rhein. — Tod am 
1. Sept. 1259 in Essen. 

VIII. Die Politik Richards und ihre Resultate in seinen ersten beiden 

Regierungsjahren. S. 72—84 

Einteilung in 2 Perioden. — In der 1. Periode, bis Oktober 1257, 
aktives Vorgehen und selbständige Politik. — Huldigung der Bischöfe 
und Herren des Niederrheins. — Sprengung des rhein. Städtebundes. — 
Kritische Beurteilung dieser Erfolge. — In der 2. Periode, bis zum 
Aufbruch nach England, Unterhandlungen und Einfluss der französisch- 
englischen Beziehungen. — Abhängigkeit der Stellung Alexanders IV. 
von dem Frieden mit Frankreich. — Friedensverhandlungen von 
Seiten Heinrichs III. und Richards mit Ludwig IX. — Zustandekommen 
des Friedens zwischen Deutschland und Frankreich. — Günstige 
Wirkung auf die deutschen Verhältnisse. — Scheitern der Verhand¬ 
lungen zwischen Frankreich und England. — Die Monarchenzusammen¬ 
kunft in Cambray. — Richards Aufbruch nach England. — Zustande¬ 
kommen des Friedens zwischen Ludwig IX. und Heinrich III. — 
Berufung Richards zur Kaiserkrönung. — Trotz seiner erheblichen 
Erfolge erkennt Richard die Aussichtslosigkeit seines deutschen König¬ 
tums und gibt es auf. 

Beilage: Matthäus Paris und das Königtum Richard» v. Cornwall (Ein 
kritischer Beitrag zur Glaubwürdigkeit des engl. Chronisten). S. 85—104. 


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Das erste Kapitel und die Beilage sind im Februar 1909 als 
Berliner Dissertation erschienen. 


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Vorwort. 

Die vorliegende Abhandlung beschäftigt sich mit den 
Regierungsjahren König Richards, die für die deutsche Ge¬ 
schichte allein von Bedeutung sind, mit den Jahren 1257 und 
1258. Eine zusammenhängende Darstellung über die Er¬ 
eignisse dieser beiden Jahre zu veröffentlichen, ging deshalb 
nicht an, da sie schon vor kurzem von J. F. Bappert in seinem 
Buche: „Richard von Cornwall seit seiner Wahl zum deut¬ 
schen König“ kurz und im Ueberblick behandelt worden sind. 
Andererseits haben Bapperts Ausführungen, deren Haupt¬ 
verdienst in der Darstellung der späteren Beziehungen 
Richards zu England liegt, diese Zeit lange nicht erschöpfend 
behandelt 1 , so dass ich hoffen darf, mit meinen spezielleren 
Forschungen neben ihm bestehen zu können. Ich habe ein¬ 
mal die Beziehungen Richards zu Deutschland in einigen 
Punkten einer neuen und eingehenden Betrachtung unter¬ 
zogen, vor allem jedoch soll diese Arbeit die allgemeinen 
politischen Verhältnisse und Richards Abhängigkeit von 
ihnen richtig beleuchten und auseinandersetzen. 

Die für diese Zeit gesammelten Kenntnisse habe ich 
benutzt, um die beigefügte kritische Beilage zu Matthäus 
Paris zu schreiben. 

Der Verfasser. 


1. Vgl. die Rezension in den MlÖG. XXIX 358-360. 


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I. 

Die deutsche Thronkandidatur und die europäischen Mächte. 

Als am 28. Januar 1256 König Wilhelm von Holland im 
Kampfe gegen die Friesen den Tod gefunden hatte, waren es 
besonders zwei Punkte, die ein befriedigendes Resultat bei 
der Wahl eines neuen Königs zweifelhaft erscheinen Hessen. 
Die Macht der Fürstenoligarchie war damals schon so er¬ 
starkt, dass man fürchten musste, sie würde eher einem 
schwachen als einem mächtigen Mann ihre Stimme geben; 
dann war aber auch zu dieser Zeit kein hervorragender 
Reichsfürst vorhanden, der sich um die Krone hätte be¬ 
werben können. Der Wittelsbacher Ludwig war im Bann und 
ausserdem zu nahe verwandt mit dem Staufer. Dieser selbst 
aber, Konradin, konnte schon wegen seiner Jugend kaum 
in Betracht kommen. Von den übrigen Fürsten hätte etwa 
noch der Böhme an die Spitze des Reiches treten können. Da 
er sich aber sicher keiner grossen Beliebtheit bei den deut¬ 
schen Fürsten erfreute, so wäre auch seine Wahl gewiss recht 
umstritten und angefochten geblieben. Leicht war also zu 
befürchten, dass man sich über den Kandidaten nicht einigen 
würde, und dass daher eine Doppelwahl und ein Doppel¬ 
königtum eintreten könnte, wie es schon in früheren Jahren 
der Fall gewesen war. 

Die Städte des rheinischen Städtebundes haben zuerst 
den Gedanken einer Neuwahl erwogen und danach Be¬ 
schlüsse gefasst und Anordnungen getroffen. Auf dem 
Städtetag zu Mainz am 12. März und auf dem zu Würzburg 
am 15. August 1 1256 beschlossen sie und gaben dies auch 
den Fürsten zu wissen, dass die Städte, falls die Fürsten unter- 


1. M. O. Constit. II 586 n. 9 und 587 n. 11. 


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einander uneins werden und mehr ais einen wählen würden, 
keinem von diesen dienen und die Tore öffnen würden. 
Leider sind sie schon im nächsten Jahre diesen Beschlüssen 
untreu geworden 2 . 

Später als die Städte haben die Fürsten des Reichs den 
Gedanken einer Neuwahl ins Auge gefasst. Erst am 23. Juni 
sollte ein Wahltag zu Frankfurt stattfinden 3 ; er ist, wenn er 
wirklich stattgefunden hat, ohne Ergebnis geblieben. Das¬ 
selbe Schicksal hatte der von der norddeutschen Partei, 
Albert von Sachsen, Otto und Johann von Brandenburg und 
Albrecht von Braunschweig, auf den 8. September zu 
Frankfurt angesetzte Wahltag 4 . 

Woran lag es nun, dass die Fürsten sich nicht ent- 
schliessen konnten, zur definitiven Wahl zu schreiten? Wes¬ 
halb verliefen die angesetzten Wahltage vergebnislos? Ein¬ 
mal und vor allem sind natürlich die von mir schon oben 
berührten Gründe daran schuld, dann aber auch, und die 
Bedeutung dieser Tatsache darf nicht unterschätzt werden, 
lag es auch daran, dass sich schon in den ersten Monaten 
nach König Wilhelms Tode die anderen europäischen Mächte 
wirksam und mit Erfolg in die Angelegenheiten der Deut¬ 
schen einzumischen begannen. So scheint man schon von 
dem ersten Wahltage am 23. Juni in England Kenntnis ge¬ 
habt und deswegen die erste Gesandtschaft vom 12. Juni, 
von der noch weiter unten die Rede sein wird, nach Deutsch¬ 
land geschickt zu haben 5 . Leicht ist es möglich, dass diese 
ihr Ziel noch zur rechten Zeit erreicht hat. In diesem Falle 
wird sie sicher die versammelten Fürsten stark beeinflusst 

2. Vgl. über das Ganze Koch 112, Kempf 181, Herrmann 8. 

3. Von diesem Wahltag wissen wir auch nur aus einer Be¬ 
stimmung eines Städtetages vom 20. Mai. Constit. 11 587 n. 10. 

4. Auch hierüber wissen wir nur aus dem obengenannten Ab¬ 
schied des Städtetages vom 15. August zu Würzburg. Constit. II 
587 n. 11. 

5. Vgl. Herrmann 12. 


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und ein günstiges Resultat schon jetzt verhindert haben 6 . 
Was den Wahltag vom 8. September betrifft, so sind alle 
neueren Bearbeiter dieser Zeit darin einig, dass er wegen 
der Bestrebungen der auswärtigen Mächte ohne jedes Resul¬ 
tat und ohne jede Bedeutung geblieben ist. Auch bemerkt 
schon eine zeitgenössische Quelle, das Chronikon Worma- 
tiense, für diese Zeit: „Sed nihil actum est tempore illo, 
quia Richardus, Angtiae regis frater, totis ad hoc instabat 
viribus, ad suscipiendum regni Romani gubernacula 7 .“ 

Wenn nämlich auch das Ansehen des deutschen Impe¬ 
riums bei den ausländischen Mächten durch die ewigen 
Kämpfe zwischen Kaiser und Papst und die dadurch hervor¬ 
gebrachte Zerrüttung bedeutend gelitten hatte, so wäre doch 
manchem nichtdeutschen Herrscher die Erwerbung der An¬ 
sprüche eines römischen Königs sehr willkommen gewesen, 
vor allem deshalb, weil damit der Besitz Italiens verknüpft 
war 8 . Alle Mächte, die Interesse an diesem Lande hatten, 
nahmen daher auch an der Neubesetzung des deutschen 
Herrscherstuhles den lebhaftesten Anteil. Dies waren aber 
zu jener Zeit vornehmlich England, Frankreich, Kastilien und 
natürlich auch die Kurie selbst. Vor allem lief bei dieser 
Frage die siziiische Politik Heinrichs III. von England Ge¬ 
fahr, Schiffbruch zu erleiden. Der Staufer Konradin, auf 
den eventuell die Wahl hätte fallen können, konnte ihm 
nicht passen wegen der Ansprüche dieses Hauses auf Sizilien. 
Aber auch jeder andere deutsche König, der die Interessen 
des Reiches kräftig zu wahren verstand, musste ihm ge¬ 
fährlich werden. Schon vom 27. März 9 1256 liegt ein Brief 
von Heinrich an Wilhelm Bonquer, seinen Geschäftsträger in 

6. Vgl. Busson 12 und Schirrmacher, Hohenstaufen 140. 

7. Chronikon Wormatiensc 186; abgedruckt bei Heinrich Boos 
„Quellen zur Geschichte der Stadt Worms“ III. Berlin 1893. 

8. So hat auch Alfons von Castilien hauptsächlich nach der 
Kaiserkrone gestrebt, um in Italien Einfluss und Macht zu gewinnen. 
Vgl. Busson 28; B. F. 5495. 

9. Koch 140 will den Brief so datiert haben. 


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Rom, vor 10 , in welchem er Auftrag gibt, dem Papst mit¬ 
zuteilen, es sei sein Wunsch, „dass ein solcher zum König 
gewählt werde, der der römischen Kirche ergeben und uns 
angenehm ist.“ Er wünscht ferner, dass der Papst den Kar¬ 
dinal Johannes von St Lorenz oder Ottobonus von St. Adrian 
oder Hugo von St. Sabina nach Deutschland senden möchte, 
damit einer von diesen für das Gelingen der englischen 
Politik eintrete. Ich glaube nicht, dass Heinrich schon jetzt 
an Richard gedacht hat, wie Busson meint 11 ; er hat wohl nur 
den Bestrebungen Frankreichs entgegentreten wollen, von 
denen noch weiter unten die Rede sein wird. Heinrich weist 
auch selbst weiter in seinem Brief auf diese nicht näher be- 
zeichneten Bemühungen Frankreichs hin und spricht die Be¬ 
fürchtung aus, dass, falls dieselben Erfolg hätten, das Ge¬ 
lingen der von England geplanten sizilischen Unternehmung 
in Frage gestellt werden würde 12 . 

Dass der Papst hierauf irgend etwas zur Förderung der 
englischen Pläne getan habe, wird nirgends ersichtlich. 
Jedenfalls ist keiner von den erbetenen drei Kardinälen in 
der Folgezeit als Legat in Deutschland nachweisbar 13 . 
Alexander IV. selbst aber hat am 11. Juni 1256 ein Schreiben 
an König Heinrich gerichtet 14 , in dem er der deutschen An¬ 
gelegenheit auch nicht mit einem Worte Erwähnung tut. 

Wir wissen jetzt genau, dass der Papst auch gar nicht die 
Absicht hatte, hier einen Schritt zur Stärkung und Förderung 
der englischen Interessen zu tun. Ein Engländer und ein 
Verwandter König Heinrichs konnte ihm nur solange als 
König von Sizilien genehm sein, als England keinen direkten 

10. Rymer I 337. 

11. Busson 11; Lorenz 148 w ill sogar w issen, dass Bonquer dem 
Papst schon Richard vorgeschlagen habe. 

12. Bemerkenswert ist, dass auch Alfons Ansprüche auf Sizilien 
erhob. Vgl. Busson 25, 28; Maubach 71. 

13. Busson 11, Kempf 183, Herrmarm 11. 

14. B. F. 9061. 


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Einfluss auf die deutschen Verhältnisse hatte. Sobald aber in 
Deutschland ein England ergebener König war, hätten die 
sizilischen Angelegenheiten — das sagte sich wohl auch 
Alexander IV. — leicht einen Verlauf nehmen können, der 
der Kurie nicht mehr erwünscht sein konnte. 

Schon bevor aber Heinrich seinen Brief an Wilhelm 
Bonquer abgesandt hatte, war von einer italienischen Stadt 
cm Kandidat aufgestellt worden. Am 18. März 1256 hatte 
Pisa Alfons X. von Kastilien zum römischen König erwählt 15 . 
Dieser, der schon zu Lebzeiten Wilhelms, 1255, als Nach¬ 
komme Philipps von Schwaben Ansprüche auf den deutschen 
Thron erhoben hatte 16 , scheint von vornherein von Alexander 
begünstigt worden zu sein 17 . Schon 1255 hatte der Papst 
Alfons' Ansprüche auf Schwaben den schwäbischen Grossen 
zür Berücksichtigung empfohlen 18 ; die Unterstützung des 
Kastiliers w ar das beste Mittel, um ein Wiederaufkommen des 
staufischen Geschlechts in England unmöglich zu machen 
oder wenigstens ungemein zu erschweren 19 . Alfons W'ar die 
beste Waffe gegen Konradin. Die Wahl Alfonsos kann der 
Kurie also nur erwünscht und willkommen gewesen sein und 
wird sie mit Freude und Genugtuung erfüllt haben. 

Ob Frankreich schon im März, wo der Brief an Wilhelm 
Bonquer geschrieben ist, Alfons begünstigt und unterstützt 
hat, wissen wir nicht genau; man könnte es aber beinahe 
aus dem Wortlaut des Briefes herauslesen 20 . Da auch der 
Papst sich über diese Frage Heinrich gegenüber in Still¬ 
schweigen hüllte, so mag der englische König mit Recht ge- 

15. B. F. 5484—5487. Vgl. darüber Busson 20—28, Herrmann 
18-24. 

16. Vgl. Busson 19, Herrmann 17. 

17. Vgl. darüber Herrmann 37, Beilage I, wo alle Quellenstellen 
genau zusammengestellt sind. 

18. B. F. 8936. 

19. Vgl. darüber Otto in den MIÖG. XIX 77. 

20. Auch Maubach 70 nimmt dies an. 


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fürchtet haben, Alexander könnte sich auf Alfons’ Seite und 
damit auch auf die Frankreichs stellen, was seine sizilische 
Politik aufs höchste gefährdet haben würde. Daher wird 
er zu dem Entschluss gekommen sein, selbständig und ohne 
direkte Zustimmung des Papstes in die deutschen Angelegen* 
heiten einzugreifen. In den Monaten April und Mai ist wohl 
der Plan in ihm reif geworden, den deutschen Thron mit 
seinem eigenen Bruder zu besetzen, was ihm allerdings die 
beste Garantie für das Gelingen seiner sizilischen Politik 
bieten musste. Im Juni setzen die Verhandlungen mit den 
deutschen Fürsten ein. Am 12. dieses Monats beglaubigt 21 
Heinrich zu Westminster Richard Cläre, Grafen, von Glocester, 
und seinen Seneschall, Robert Walerand, bei allen deutschen 
Fürsten für Verhandlungen 22 , die allerdings nicht näher be¬ 
zeichnet sind, die sich aber sicher auf die Wahl bezogen 
haben. Am Schlüsse dieses Briefes ist, als Nichtbevoll¬ 
mächtigter, Johannes Mansel erwähnt, einer der tätigsten 
Agenten des englischen Königs, der wahrscheinlich die Boten 
schon jetzt 23 mit nach Deutschland begleitet hat. 

Dieser Schritt Heinrichs brachte auch den Papst in Be¬ 
wegung. Hatte er sich bisher mehr abwartend verhalten 
und nicht gerade direkt in die Sachlage eingegriffen, so stellte 
er sich jetzt entschieden auf die Seite der England feind¬ 
lichen Partei. Am 1. Juli 1256 stellte Alexander für den 
Bischof von Leon, der „pro suis et regis Castellae ac Legionis 
negotiis promovendis“ an die Kurie gekommen war, einen 
Gunstbrief aus 24 . Sodann liess er an die Kurfürsten die 
direkte Aufforderung ergehen, den spanischen König 


21. Rymer 1 342. — Die Urkunde ist auch abgedruckt in M. O. 
Constit. II 479 n. 376, allein die Bemerkung über Mansel ist dort 
weggelassen. 

22. Pro quibusdam servitiis et negotiis nostris. 

23. Hauptsächlich Mansel und Joh. Avesnes haben die späteren 
Abmachungen mit den Fürsten getroffen. 

24. M. O. Ep. pont. III 394 n. 436. 


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Alfons X. von Kastilien zum römischen König zu wählen 25 . 
Es ist nicht unmöglich, dass er dies an demselben Tage, am 
28. Juli, getan hat, an dem er ihnen auch die Wahl Konradins 
untersagte 26 . Damit hatte Alexander sich klar und offen auf 
die Seite des Spaniers gestellt Den Vorwurf, dass er gegen 
die englischen Pläne arbeite, konnte ihm Heinrich trotzdem 
nicht machen, da er ja den Papst von seinem Vorhaben gar 
nicht in Kenntnis gesetzt hatte, und zu Spanien selbst stand 
England damals äusserlich in guten Beziehungen 21 . 

Von dieser Zeit nun an, und vor allem nach dem zweiten 
erfolglosen Wahltage zu Frankfurt, am 8. September 1256, 
kann man deutlich eine englische Partei, vertreten durch den 
Kölner Erzbischof, Konrad von Hochstaden, und eine fran¬ 
zösische, bazw. spanische, vertreten durch den Trierer Erz¬ 
bischof, Arnold von Isenbuig, unterscheiden 28 . Auf der Seite 
des ersteren stehen noch Erzbischof Gerhard von Mainz, der 
Pfalzgraf Ludwig und sein Bruder, der Herzog Heinrich von 
Bayern; auf der Seite des letzteren Herzog Albert von 
Sachsen, die Markgrafen Otto und Johann von Brandenburg, 


25. M. G. Const. II 646. Bischof Eberhard von Konstanz schreibt 
am 23. August dem Domprobst von Basel von Burgos in Kastilien aus: 
„Litteris etiam dom in i papae lectis ibidem, quibus mone tdo persuasit 
electoribus hunc regem (Alfons) in Romanorum regem prae ceteris 
eligendum.“ 

26. Am 28. Juli 1256 verbietet Alexander IV. unter Androhung 
der Exkommunikation den drei Erzbischöfen, Konradin, dem Staufer¬ 
kinde, ihre Stimme zu geben. M. G. Ep. pont III 397 n. 440. 

27. Vgl. Busson 61. 

28. Genauer behandelt findet sich dies bei Busson 1—38, Koch 
103—134, Kempf 179—203, Herrmann 1—36. Auf ihre Darstellungen 
stützen sich meine kurzen Ausführungen von hier bis zur DoppelwahL 
— Abschliessend gehandelt über die Frage der bayerischen Stimme bei 
der Wahl Richards hat Z e u m e r in der historischen Zeitschrift 
LVIII 213 ff. Er kommt zu dem Resultat, „dass von einer bayerischen 
Kurstimme im Jahre 1257 niemand etwas wusste, dass vielmehr von 
beiden Parteien stets der König von Böhmen allein ab Inhaber der 
siebenten Kurstimme angesehen wurde.“ 


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Herzog Albrecht von Braunschweig und Herzog Heinrich 
von Brabant. Von Ottokar von Böhmen eine bestimmte 
Zusicherung erhalten zu haben, konnte sich keiner der beiden 
Kandidaten rühmen. Zwischen Frankreich und der Kurie 
scheint es aber noch in diesem Jahre zu einem förmlichen, 
geheimen Bündnis gegen England und gegen dessen deutsche 
Bestrebungen gekommen zu sein. Lässt sich dies auch nicht 
direkt aus den urkundlichen Belegen oder aus den Quellen 
Nachweisen, so kann man es doch aus dem ganzen Verhalten 
der drei Mächte, wie es sich in den nächsten Jahren zu¬ 
einander gestaltete, folgern und erschlossen. 

Die Bemühungen Richards, auch den Erzbischof von 
Trier auf seine Seite zu ziehen, blieben ohne Erfolg. Die 
Angabe des Thomas Wykes, dass Arnold von Trier mit 
Richards Bevollmächtigten zwar unterhandelt, dass er diese 
Verhandlungen aber abgebrochen habe, weil ihm keine ge¬ 
nügend grosse Geldsumme zugesichert sei 29 , verdient wenig 
Glauben. Auf das Geld wird es dem Engländer wohl nicht 
angekommen sein, wenn er dafür noch eine Stimme mehr 
und damit die Majorität bei der Wahl hätte erlangen 
können 30 . Wie sich aber Frankreich des Spaniers gegen Eng¬ 
land bediente, so spielte Trier denselben Kandidaten gegen 
Köln und den Pfalzgrafen aus 31 . Politische und persönliche 
Gründe bewirkten, dass hier das englische Geld wirkungslos 
blieb 32 . 

29. Thomas Wykes 115: Eoqiie quod XII milia marcarum non 
potuit obtinere sicut archiepiscopus Coloniensis. (Dieser empfing 
übrigens auch nur 8000.) — Die Gesta Trever. M. G. XXIV 412 nennen 
übrigens eine noch grössere Summe: Quindecim eniin milia marcarum 
sterlingorum oblata fuerunt eidem Arnoldo archiepiscopo Treverensi. 

30. Später, im Jahre 1258, wo die Anerkennung doch lange nicht 
mehr von solcher Wichtigkeit war, wie eben jetzt bei der Wahl, 
verspricht ihm Richard 12 000 Mark. Vgl. unten S. 43. 

31. Richard selbst nennt den Trierer in seinen Briefen nach 
England vom 18. Mai 1257 (vgl. Bappert 10): „Primum in nostris 
negotiis turbatorem.“ 

32. Busson 18, Kempf 200, Herrmann 16. 


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So kam es, dass am 13. Januar und am 1. April 1257 
zwei Könige mit gleicher Stimmenanzahl gewählt wurden. 
Die Befürchtungen der Städte hatten sich also erfüllt. Eng¬ 
land auf der einen, Frankreich und die Kurie auf der 
anderen Seite, hatten ihren Willen durchgesetzt. Es fragte 
sich jetzt nur, welcher von den beiden Königen und ob über¬ 
haupt einer von ihnen die allgemeine Anerkennung erlangen 
würde. Bereits aber am 20. Februar des Jahres wurden Graf 
Leicester und Richard Walerand von König Heinrich er¬ 
mächtigt, Friedensverhandlungen mit Frankreich einzuleiten 33 . 
Schon jetzt also zeigte sich einerseits die Wirkung, die die 
deutsche Politik Heinrichs auf die französisch-englischen Be¬ 
ziehungen hatte, andererseits, wie abhängig die ganze 
Stellung Richards und sein Königtum von den französisch¬ 
englischen Beziehungen und von der Politik seines Bruders 
war. Diese beiden Gesichtspunkte darf man nicht ausser 
Acht lassen, wenn man das Königtum Richards richtig ver¬ 
stehen will. Vor allem in den ersten Jahren seiner Regierung, 
wo er sich noch wirklich bemüht, König zu sein, haben sie 
eine grosse und wesentliche Rolle gespielt. 

Wir aber fragen uns, am Ende dieser Betrachtung an¬ 
gelangt: Wie war es nur möglich, dass Deutschland sich 
von fremden, ausländischen Mächten einen fremden, aus¬ 
ländischen Herrscher aufdrängen Hess, wie konnten die 
deutschen Fürsten nur so etwas nicht nur nicht zugeben, 
sondern sogar unterstützen? War der Gedanke, von einem 
undeutschen Manne regiert zu werden, nicht so ungeheuerlich, 
dass seine Verwirklichung nicht von vornherein als aus¬ 
geschlossen und unmöglich erscheinen musste? 

Schon vor einem Menschenalter hatten es sich die 
Deutschen gefallen lassen müssen, die Politik ihres Landes 
von aussen beeinflusst und gelenkt zu sehen. Bereits am 
Ende des vergangenen Jahrhunderts war in Deutschland eine 

33. Shirley II 121. 


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Doppelwahl vor sich gegangen, bei der England und Frank¬ 
reich ein Wörtchen mitgesprochen hatten. Die Wahl Philipps 
von Schwaben war nicht ohne starke Begünstigung Philipp 
Augusts von Frankreich, die Wahl Ottos IV. nicht ohne 
starken Einfluss Richards Löwenherz vollzogen worden. Bei 
der Wahl Friedrichs II. hatte nicht nur der Papst, sondern 
ebenfalls wieder Philipp August von Frankreich seine Hand 
mit im Spiele gehabt. Die Entscheidung endlich zwischen 
Friedrich 11. und Otto IV. war auf fremdem Boden und 
durch fremde Völker herbeigeführt worden, in der Schlacht 
bei Bouvines durch Engländer und Franzosen. 

Einen deutschen Herrscher aber, echt deutsch, von Blut 
und von Gesinnung, hatte man in Deutschland kaum mehr 
seit den Tagen Friedrichs I. gesehen. Die Staufer waren 
eben ein Geschlecht, das, ansässig und begütert in Süd¬ 
deutschland, wenn es stärker werden wollte, gezwungen war, 
seine Blicke nach Burgund und Italien zu richten, und das 
demgemäss seine Politik betrieb und bestimmte. Friedrich I. 
selbst, obwohl er eine burgundische Prinzessin zu seiner 
Gemahlin machte, ist deutsch geblieben. Anders steht es 
schon mit seinem Nachfolger. Heinrich VI. ist der Sohn 
der Burgunderin, der Gemahl der Sizilianerin. Er hat schon 
die Hälfte seiner Regierungszeit in Italien und auf Sizilien ver¬ 
bracht und seine Ruhestätte auf fremdem Boden gefunden. 
Von den beiden Gegenkönigen ist Otto IV. nicht nur der 
Neffe des englischen Königs, sondern er hat auch seine ganze 
Jugend in England oder in den englischen Lehen auf fran¬ 
zösischem Boden verbracht, seine ganze Bildung dort be¬ 
kommen. Friedrich II. aber, darüber ist man sich heute einig, 
war dem Blute nach halb, dem Herzen nach jedoch ganz ein 
Italiener und, im engeren Sinne, ein Sizilianer. Vor der Wahl 
hat er sich nie in Deutschland sehen lassen, nach der Wahl 
ist er nur ganz selten, nach der Kaiserkrönung nur noch 
zweimal auf ganz kurze Zeit und in Ausnahmefällen dort 
gewesen. Seine Gemahlinnen sind sämtlich fremder Her- 


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kunft. Die eine war die Tochter des Königs von Aragonien, 
die andere die Tochter des Königs von Jerusalem und die 
dritte die Tochter des Königs von England. Friedrich II., 
wie sein Sohn Konrad IV., wie sein Enkel Konradin ruhen 
nicht auf deutschem, sondern auf welschem Boden bestattet. 

Nicht nur die Politik der Staufer hatte diese Zustände 
geschaffen. Seit dem Beginn der Kreuzzüge, seit dem Auf¬ 
kommen des Ritterstandes und seiner Ideale, hatte die 
höfische Gesellschaft in Deutschland mehr als bei andern 
Völkern die nationalen Gesichtspunkte gänzlich aufgegeben, 
hatte sie einen immer internationaleren Zuschnitt bekommen. 
Durch die Regierungszeit der Staufer war diese Entwicklung 
natürlich ungemein begünstigt worden. Auch die Fürsten 
hatten angefangen, sich ihre Frauen bei andern Nationen zu 
suchen. Heinrich der Löwe geht nach England, Heinrich 
Jasomirgott nach Griechenland, dessen Enkel Leopold VI. 
folgt seinem Beispiel und nimmt wiederum eine Griechin, 
Theodora, zur Gemahlin. Auch der aus dieser Ehe 
stammende Sohn, Friedrich II., der letzte Babenberger, ver¬ 
heiratet sich mit einer Griechin, Sophia, der Tochter Theodor 
Laskaris. Andere Fürsten wie Ludwig IV. von Thüringen, 
Ottokar II. von Böhmen, holen sich ihre Gemahlinnen aus 
Ungarn. Der Pfalzgraf Ludwig dachte zur Zeit der Doppel¬ 
wahl von 1257 daran, sich mit einer englischen Prinzessin 
zu vermählen, der Brandenburger soll für Alfons mit durch 
Heiratsaussichten auf eine Kastiiianerin gewonnen worden 
sein 34 . 

Die Kreuzzüge also und die Politik der staufischen 
Könige hatten der ganzen höfischen Gesellschaft in Deutsch¬ 
land einen internationalen Charakter gegeben. Die Könige, 
wie die Fürsten betrachteten sich als Angehörige einer 
grossen europäischen Gesellschaft, des Ritterstandes. Sie 

34. Auch auf die Heiraten der Meissner und Meraner zu dieser 
Zeit wäre hier noch hinzuweisen. 


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hatten alle eine höfische und ritterliche, das heisst inter¬ 
nationale Bildung erhalten; die Fühlung mit dem deutschen 
Volke und mit dem deutschen Wesen war ihnen verloren 
gegangen. Seit langem hatten sich die Fürsten daran ge¬ 
wöhnt, ihren König nicht im Lande zu sehen. Was 
war ihnen daran gelegen, ob er ein Sizilianer oder ein 
Kastilianer oder ein Engländer war! Wenn sie seine Nähe 
und seine Macht nur nicht fühlten, dann waren sie es schon 
zufrieden. 

So konnte es geschehen, dass im Jahre 1257 zwei Fremde 
auf der Kandidatenliste des deutschen Königsthrones standen, 
und dass die deutschen Fürsten sie erwählten, ohne dass 
auch nur eine/ von ihnen gegen diese Kandidaten Einspruch 
erhob und Verwahrung einlegte. 


II. 

Von der Wahl bis zur Krönung. 

Die Nachricht von der Wahl Richards muss bald nach 
England gelangt sein. Schon am 17. Januar 1257 schreibt 
Heinrich III. dem Bischof von Hereford, dass er zu der 
sicheren Erkenntnis gekommen sei, dass sein Bruder Richard 
zum römischen König erwählt werde, und dass er beab¬ 
sichtige, mit demselben nach Deutschland zu gehen. Am 
22. Januar will Richard sogar schon erfahren haben, dass 
Ottokar von Böhmen ihm huldigen und ihm seine Unter¬ 
stützung angedeihen lassen werde 1 . Am 12. Februar schliess¬ 
lich ladet Heinrich III. den Abt von Burton ein, spätestens den 
16. März zum Parlament nach London zu kommen, da sein 

1. Vgl. beide Briefe bei Rymer I 353. 


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zum König von Deutschland erwählter Bruder am Tage nach 
Mittefasten seine Reise nach dem Kontinent antreten werde; 
vor dessen Abreise seien noch wichtige Geschäfte ab¬ 
zuwickeln 2 . 

Schon gegen Ende des Dezember 1256 waren Richard 
von Glocester und Johannes Mansel nach Deutschland ge¬ 
schickt worden, um zusammen mit Johannes Avesnes, der 
dort geblieben war, alles zu erledigen, was noch zu er¬ 
ledigen war 3 4 . So lösten sic das Versprechen ein, das Richard 
schon bei den Abmachungen vor seiner Wahl dem Pfalz¬ 
grafen Ludwig gegeben hatte*, und beschworen als Boten 
des erwählten Königs der Römer, dass Richard gleich nach 
seiner Krönung dem Konradin, König von Jerusalem und 
Sizilien und Herzog von Schwaben, dieses Herzogtum zu 
Lehen geben werde, und dass er ihn auch im Besitze aller 
seiner anderen Güter, die durch Erbschaft oder durch Kauf 
erworben seien, belassen und nichts davon als erledigtes 
Reichsgut einzichcn werde 5 . Ferner waren die Boten 
Richards darauf bedacht, seine Landung in Deutschland und 
seinen Zug durch Geldern nach Aachen zu sichern. Aus 
Verhandlungen hierüber wird sich die Urkunde ergeben 
haben, die am 6. Februar bei Neuss ausgestellt ist, und in der 
dem Grafen Otto von Geldern versprochen wird, dass der 
erwählte römische König Richard die an Otto durch König 
Wilhelm geschehene Verpfändung der Burg Nymwegen ge- 
nehm halten und diese nicht anders auslösen werde, als um 
sie zu eignen Händen zu nehmen 6 . Auch werden sie sich 
mit der Krönungsstadt Aachen selbst, die zum Städtebunde 

2. Rymer I 354. 

3. Vgl. Kempf 200. — So ist in der Urkunde vom 25. Januar 
ausdrücklich bemerkt, dass sie von Richard geschickt seien ,.pro 
negotiis suis in partibus Alcinanniae disponendis.*' 

4. Vgl. unten S. 30. 

5. Constit. II 485 n. 386. 

6. Lacomblet II '234 n. 431. 


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gehörte, also erst für Richard gewonnen werden musste, 
über den Einzug des Königs und über seinen Aufenthalt da¬ 
selbst verständigt haben. Nachrichten hierüber sind uns? 
jedoch nicht erhalten. 

Auf dem grossen Parlament zu London vom 
18. März 1257 7 hat Richard dann wohl die letzten Vor¬ 
bereitungen zu seiner Abreise, die „wichtigen Geschäfte“, von 
denen Heinrich III. oben spricht, getroffen. Sein Bruder 
hatte an viele Bischöfe und Aebte, und auch an viele welt¬ 
liche Magnaten des Reiches Einladungen dazu ergehen 
lassen 8 . Auch Glocester und Mansel, die von ihrer Sendung 
nach Deutschland zurückgekehrt waren, hatten sich zu 
diesem Parlamente eingestellt 9 , um Richard Bericht von ihren 
Abmachungen und von der Stimmung in Deutschland zu er¬ 
statten und ihm ihre Ratschläge über die ersten Massnahmen, 
die getroffen werden mussten, zu geben 10 . Hier wird sich 
daher der König auch mit den Geldsummen versehen haben, 
die, wie er es selbst schon längst wissen musste, und worauf 
ihn vor allem auch Glocester und Mansel jetzt wieder auf¬ 
merksam gemacht haben werden, zu einem erfolgreichen 
Fortkommen in Deutschland unbedingt erforderlich und not¬ 
wendig waren. Nun soll ja Richard einer der Reichsten der 
damaligen Zeit gewesen sein; seine Besitzungen Hessen an 
Ausdehnung sowohl wie an Erträgen nichts zu wünschen 
übrig 11 ; dennoch scheint der ihm zur Verfügung stehende 


7. Matth. Paris 621; Joh. de Oxen. 209. 

8. Anna!, de Wintonia 96; Anna), de Dunstapl. 202. 

9. Matth. Paris 622: Fcstinarunt insuper ad illud venire parla- 
inentuni comes Gloverniac Ricardus, et dominus Johannes Mansel, qui 
comitis Ricardi . . . diligcntes exploratores, via illius in Alemanniam 
praeparaverant. Vgl. auch Matth. Paris 623. 

10. Joh. de Oxen. 209: Mittunturquc comes Gloverniac et 
dominus Johannes Mansel ad exploranda omnia antequam comes 
exponat se ambiguis casibus. Qui renunciaverunt quod bene et secure 
poterat illuc transmigrare. 

11. Vgl. Bappcrt 2. 


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Münzschatz nicht ausgereicht zu haben 18 , um seine Bedürf¬ 
nisse an barem Gelde in Deutschland zu decken. Um den¬ 
noch in den Besitz der nötigen Geldsummen zu kommen, sah 
der neue König sich daher gezwungen, die von Heinrich III. 
an seinen Bruder verpfändete Wechselbank sehr in Anspruch 
zu nehmen 13 ; dazu erhielt er noch Geld von den Juden 14 , 
wobei ihm vornehmlich zwei Juden namens Cresse und 
dessen Bruder Hagen behilflich gewesen zu sein scheinen 15 . 
Sodann traf Richard hier noch Bestimmungen über seine 
Güter in England, die er Fulko, dom Bischof von London, 
zur Verwaltung übertrug 16 ; auch wird er sich auf diesem 
Parlamente schliesslich noch offiziell von den englischen 
Grossen verabschiedet haben 17 . 

Gleich nach der Auflösung des grossen Parlaments und 
nicht vor dem Anfang des April 18 langten der Kölner Erz¬ 
bischof mit den Bischöfen von Lüttich und Utrecht, mit Floris 
von Holland, Otto von Geldern 19 und vielen anderen Edlen 
und Rittern zu London an 80 , um Richard offiziell seine Wahl 

12. So ist ihm schon am Ende des Jahres 1257 das Geld in 
Deutschland ausgegangen. Vgl. unten S. 42. 

13. Matth. Paris 629. 

14. Vgl. N. A. XXVIII 279. 

15. Am 20. Mai 1257 erlässt Heinrich UI. „ad instantiam fratris 
Ricardi“ dem Juden Cresse und seinem Bruder Hagen, „qui in servitio 
praedicti fratris nostri plurimum laborarunt 44 , auf fünf Jahre alle 
Abgaben. Rymer I 356. 

16. Matth. Paris 622. 

17. Matth. Paris 622: Aderat autem ad dictum parlamentum 
comes Ricardus, universitati Angiiae valedidurus. 

18. Am 27. März urkundet der Bischof von Lüttich noch in 
Tongern. Catalogue des actes de Henri de Gueldre 58 n. 208. Auch 
Konrad von Hochstaden urkundet am 23. März noch in Köln. West¬ 
fälisch. Urkk. VII 426 n. 944. 

19. Auch Otto von Geldern, den die Quellen nicht anführen, 
wird sich bei ihnen befunden haben. Vgl. die folgende Darstellung. 

20. Matth. Paris 624; Thomas Wykes 116. Die Annales Haro- 
burgenses M. O. XVI 384 nennen nur den Kölner und den Utrechter. 


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zum römischen König mitzuteilen. Sie brachten ihm ihre 
Huldigungen dar und leisteten dem neuen Herrscher den 
Treueid 21 . Alle wurden darauf von Richard reich beschenkt, 
vor allem natürlich Konrad von Hochstaden. Ihm soll der 
König eine mit Edelsteinen und Gold reich verzierte Mitra 
überreicht haben, worauf Konrad, indem er diese auf sein 
Haupt setzte, die Wendung gebraucht haben soll: „Er 
schmückte mich mit einer Mitra, ich werde ihn mit einer Krone 
schmücken 22 .“ Den einen oder anderen von den deutschen 
Edlen mag Richard schon jetzt jm Besitze seiner Lehen 
und Privilegien bestätigt haben, wie zum Beispiel dem 
Grafen Otto von Geldern am 6. April das Ver¬ 
sprechen vom 6.. Februar noch einmal zugesagt wurde 23 ; 
eine Verteilung der Aemter dagegen, wovon die Annales 
de Dunstaplia wissen wollen 24 , hat in England noch nicht 
stattgefunden. So wurde Philipp von Falkenstein das 
Kämmereramt erst nach der Krönung, am 22. Mai, zu Aachen 
übertragen 25 und erst bei Gelegenheit der Belagerung 
Boppards im Juli 1257 ist Nikolaus von Cambray zum Kanzler, 
Walram von Jülich zum Marschall und Werner von Boianden 
zum Truchsess ernannt worden 26 . 


21. Matth. Paris 624 ff. 

22. Matth. Paris 626. 

23. Böhmcr-Acta 307 n. 375. 

24. Annal. de Dunstapl. 203: Et die Paschae statuit eos qui de 
Allemannia venerant in officiis suis, ununiquemque ad officium ex 
feudo sibi deputatum. 

25. B. F. 5301. 

26. Dass auch die anderen Hofbeamten Richards schon in 
Aachen vom König ernannt worden seien, wie Bappert 11 behauptet, 
lässt sich nicht nachweisen. Erst in der Urkunde für Oberwesel, 
die am 15. Juli im Lager vor Boppard ausgestellt wurde (Beyer III 
1015 n. 1406), sind die betreffenden Männer mit ihren Amtsfunktionen 
genannt, dagegen stehen noch in der Urkunde für Köln vom 27. Mai 
(Ennen-Eckertz II 369 n. 379) die Namen Nikolaus’ von Cambray, 
Walrams von Jülich und Werners von Boianden ohne ihre Amts¬ 
bezeichnungen. 


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24 


König Heinrich selbst muss seinen ursprünglichen Vor¬ 
satz, Richard nach seinem neuen Reiche zu geleiten, in¬ 
zwischen wieder aufgegeben haben. Dagegen erlaubte er 
47 Edlen und Rittern Englands, mit seinem Bruder die Fahrt 
nach Deutschland anzutreten 27 . Die meisten von ihnen, 33, 
bekamen jedoch nur bis Michaelis 1257 Urlaub; es waren 
dies: Walter de Baskervyle, Andreas de Baskervyle, Jo¬ 
hannes de Tubervyle, Roger de Aumary, Herebertus de 
Nevyle, Richard de Coventry, Wilhelm de Munechenesi, 
Johann de Warenna, Baidevin de Akynmy, Hugo de Heyvill, 
Thomas de la Pulle, Guido Galyun, Hugo le Dispenser, Adam 
de Dotton, Ricardus de Colewurch, Gilbert de Ellesfeld, 
Thomas le Blund, Jacobus de Audeleger, Walterus de la 
Grane, Roger Crawe, Ricardus de Amundeuyle, Nikolaus de 
Menlinger, Roger de Somerton, Thomas de Hereford, Joceus, 
Sohn Roberts, Thomas de Pavely, Johannes Walerio, 
Stephanus de Chendeyt, Johannes de Stotevyle, sein Sohn 
Wilhelm de Stotevyle und Hamo de Gatton. Urlaub auf zwei 
Jahre erhielten: Robert de Ostgod, Adam le Waleys, Egidius, 
Sohn Wilhelms, auf drei Jahre Hamos le Gros, auf vier Jahre 
Wilhelm Blundel und schliesslich Urlaub, ein jeder, „quamdiu 
fuerit in servitio praedicti electi in partibus Alemanniae“, 
erhielten nur neun Ritter, und zwar: Robert de Molinouse, 
Philipp de Eye, Michael de Northampton, Roger de la Launde, 
Hugo le Sauser, Reginaldus Foylet, Thomas de la Pulle, 
Wilhelm Talebot und Petrus de Anesy. Diese letzteren sind 
offenbar Richard persönlich zum Dienste in Deutschland ver¬ 
pflichtet gewesen. 

27. Ihre Namen und die Zeit ihres Urlaubs vgl. bei Rymer I 
355. -- Dass die Ritter nur zur „Verherrlichung der Krönung“ mit¬ 
gesandt wurden, wie Bappert 3 es annimmt, glaube ich nicht. Es 
geht ja aus dem Urlaubsbrief direkt hervor, dass sie sich gerade 
längere Zeit bei Richard aufhaltcn sollten, zum wenigsten ein halbes 
Jahr, und das doch wohl deshalb, weil sie ihm die ersten Schwierig¬ 
keiten in seinem neuen Reiche sollten beseitigen helfen. 


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Der König brach am 10. April von London auf, um sein 
Reich anzutreten 28 . In seiner Begleitung befanden sich seine 
Gemahlin Sanchia, seine beiden Söhne Heinrich und Ed¬ 
mund 29 , sodann die schon genannten 47 Ritter und Herren, 
die auch sicher noch ihren Anhang mit sich führten 30 , und 
die deutschen Magnaten, die solange in England geblieben 
waren 31 . Da aber der Wind ungünstig war, musste man 
bis zum 29. April mit der Einschiffung warten. An diesem 
Tage fand dann die Ueberfahrt mit 48 grossen und zwei 
kleinen Schiffen von Yarmouth aus statt 32 . Die Landung er¬ 
folgte nach zwei Tagen, am 1. Mai, auf dem Gebiet des 
Grafen von Holland in einem beqTiemen und günstigen 
Hafen 33 , nämlich in Dortrecht. Ehrenvoll wurden sie von 
den Magnaten jenes Landes empfangen 34 ; eine zahllose 
Menschenmenge soll die Fremden mit Jubel begrüsst haben 
und von Richard reich beschenkt worden sein 35 . Zwei Tage 


28. Die folgenden Ausführungen stützen sich auf die Schilde¬ 
rung der von mir schon einmal angeführten Briefe des Königs vom 
18. Mai, wenn eine andere Quelle nicht besonders bemerkt ist. 

29. Vgl. den Brief der Sanchia an den Prior von Walingford. 
M. O. XXVIII 373. 

30. Denn wozu hätte man sonst 50 Schiffe zur Ueberfahrt 
gebraucht? 

31. Thomas Wykes 116; Qervase of Canterbury 206. Auch die 
Annales Hamburgenses M. O. XVI 384 lassen sie zusammen ab¬ 
fahren. Nur Matth. Paris 627 lässt den Kölner zwei Tage vorher, 
am 8. April, von London aufbrcchcn, um alles zum Empfang Richards 
vorzubereiten. Koch 131 und Bappert 4 stützen sich auf ihn, den 
Grund dafür geben sie aber nicht an. 

32. Matth. Paris 624; Thomas Wykes 116. 

33. Vgl. den Brief Sanchias. 

34. Brief Sanchias: Ubi honorifice a magnatibus illius partis 
(Holland) suscepti fuerimus. 

35. Nach Bappert 4 sollen Richard noch Dortrecht der Kölner 
Erzbischof, die Bischöfe von Utrecht und Lüttich und Graf Floris von 
Holland zum Empfang entgegengeeilt sein, was sich nirgends nach- 
weisen lässt, ganz abgesehen davon, dass sie ja mit Richard erst 
eben gelandet waren. Weder bei Matth. Paris noch bei Thomas 


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hielt man (sich in Dortrecht auf, wie Richard in seinen Briefen 
sagt, „ad capessendum requiem post labores“; hauptsächlich 
wird man es aber wohl deshalb getan haben, um erst die 
Deutschen und vor allem die Stadt Aachen von der erfolgten 
Landung in Kenntnis setzen zu lassen, und um ihnen Zeit 
zu einem würdigen Empfang zu geben. Höchstwahrschein¬ 
lich wird sich Konrad von Hochstaden selbst auf den Weg 
gemacht haben, um alles vorzubereiten 36 . Am 3. Mai be¬ 
wegte sich sodann der Zug weiter durch Holland und 
Geldern 37 und gelangte schliesslich am 11. Mai nach Aachen. 
Diese Stadt, die noch am 15. August auf dem Städtetage zu 
Würzbuig mit allen anderen sich verpflichtet hatte, nur einen 
einmütig gewählten König anzuerkennen, war die erste, die 
wider die Beschlüsse des Bundes handelte. Es wird vor¬ 
nehmlich den Bemühungen Konrads von Köln sowie 
Glocesters und Mansels zu danken sein, dass die Stadt 
Richard jetzt nicht ihre Tore verschloss; auch mögen die 
Handelsbeziehungen zu England, auf die Bappert hinweist 38 , 
mit hineingespielt haben. Auf jeden Fall müssen die Ver¬ 
handlungen und Abmachungen mit Aachen schon vor 
Richards Ankunft bei dieser Stadt getroffen worden sein, denn 
auf die Kunde vom Herannahen des Königs kamen ihm die 
Ersten und Vornehmsten der Stadt, Kleriker wie Laien ent¬ 
gegen und nahmen ihn unter grosser Freude und unter 
grossem Jubel, ohne auch nur die geringsten Schwierig¬ 
keiten zu machen, in Aächen auf. So hielt denn Richard 


Wykes, auf die sich Bappert, wenigstens für den Kölner, beruft, steht 
etwas davon. Vgl. Matth. Paris 640 und Thomas Wykes 116. Auch 
die Anna), de Dunstapl. 203 erzählen nur: „Multi vero magnatcs de 
Allemannia et de partibus adjacentibus ei obviam venerunt, et de 
advenht suo et incolumitate gratias Deo reddidcrunt.“ 

36. Dahin ist vielleicht die Bemerkung bei Matth. Paris zu be¬ 
richtigen. 

37. Durch das Gebiet des Brabanters zog man also nicht. 

38. Vgl. Bappert 4. 


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auch gleich noch am Tage seiner Ankunft vor Aachen seinen 
prächtigen Einzug in die alte Krönungsstadt der deutschen 
Könige ab. Von der feindlichen Partei, den Anhängern des 
Kastiliers, war nichts geschehen, um den Einzug Richards 
in Aachen zu verhindern, trotzdem ihm gerade der Herzog 
Heinrich von Brabant leicht hätte auf seinem Zuge durch 
Holland und Geldern Schwierigkeiten bereiten können. 
Schon jetzt zeigte sich deutlich, dass man durchaus nicht die 
Lust und den Willen hatte, sich für den fernen Spanier zu 
schlagen und aufzuopfern, sondern dass seine Anhänger eben 
die Dinge ihren Gang gehen Hessen. 

Da das Fest der Himmelfahrt Christi nahe bevorstand, 
so hatte man dies als Tag der Krönung bestimmt 39 . So wurde 
denn nach einem sechstägigen Aufenthalte Richards die 
feieriiche Krönung in Aachen durch Konrad von Köln voll¬ 
zogen, und der englische Graf empfing am 17. Mai 1257, 
sitzend auf dem Stuhle Karls des Grossen, das Szepter und 
die Krone des heiligen römischen Reiches. Mit Stolz be¬ 
tont es Richard selbst, dass er die echten Reichsinsignieir 
empfangen habe 40 . Philipp von Falkenstein hatte sie von 
König Wilhelm zur Aufbewahrung erhalten und, jetzt für 
Richard nach Aachen mitgebracht, wofür ihm von diesem 

39. Dass man den Tag der Krönung bis zum 17. Mai verschoben 
haben soll, weil der Erzbischof von Mainz und die mittelrheinischen 
Grossen noch nicht anwesend waren, und weil noch umfassende Vor¬ 
bereitungen getroffen werden sollten, wie Bappcrt 5 behauptet, glaube 
ich nicht. Wäre die Krönung früher angesetzt gewesen, so hätte sich 
wohl auch Gerhard früher auf den Weg gemacht, wenn er ihr mit 
beiwohnen wollte. Für Richard selbst aber war des Mainzers An¬ 
wesenheit nicht unbedingt erforderlich. 

40. Sacri Romani regni ceptrum recepimus et coronam. — Dass 
Richard sich im Besitz der wirklichen Reichsinsignien befand, geht 
auch aus dem Brief des Bischofs Johann von Lübeck (Vgl. unten S. 68) 
hervor: „Castrum Driucls cum Insigniis Imperialibus, Lancea et 
Corona cum Dyatemate Imperii habet et tenet.“ — Vgl. darüber auch 
Bappert 8, Anm. 1. 


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4 Mark ausgehändigt sein sollen 41 . Zugleich mit Richard 
wurde seine Gemahlin Sanchia gekrönt. Am nächsten Tage 
erteilte der neue König seinem ältesten Sohne Heinrich den 
Ritterschlag, der von da an in England Henricus de 
Alemannia genannt wurde. Nach der Schilderung der 
Chronisten wie Richards selbst müssen die Festlichkeiten 
mit grossem Prunke und bedeutendem Aufwand gefeiert 
worden sein. Es musste ja auch in des neuen Königs 
eigenstem Interesse liegen, gleich am Beginn seiner Regie¬ 
rung einen guten Eindruck von seinem Reichtum zu er¬ 
wecken. Er wird es geradezu gewünscht haben, dass von 
ihm gesagt wurde, was dann auch der Hamburger Annalist 
von ihm gesagt hat. „Hic effudit pecuniam ante pedes prin- 
cipium sicut aquam“ und: „De eius pecunia multa in- 
credibilia sonuerunt“ 42 . Schon aus diesem Grunde wird 
man hier auf keinen Fall mit dem englischen Gelde gespart 
haben 43 ,so dass man den englischen Chronisten wohl Glauben 
schenken darf, wenn sie sagen, dass dies Fest seines Gleichen 
nicht gehabt habe zu dieser Zeit, und dass die dort an- 


41. Zorns Chronik 105: Der zeit hat bei ihm die königlichen 
regalia Philips von Falkenstein, dem sie Wilhelm vertrauet hatte, der 
gab sic Richarden, als er ihme 4 mark verehret hat. 

42. M. G. XVI 384. 

43. Allerdings fasste man in Deutschland die Sache auch noch 
von einer anderen Seite auf, nämlich von der satyrischen. So sagt 
ebenfalls der Hamburger Annalist: „Certe tantum olei, quantum in- 
fusum est eius capiti, potuisset in sua terra precio emisse minori“; 
und das Chronikon Ellenhardi, M. G. XVII 122, skizziert die Regierungs¬ 
weise und die Regierungszeit Richards kurz mit folgenden Worten: 
„Et cum adhuc opulentus esset in diviciis, vehebatur per principes 
Alemanie ad singulas civitates et opida imperii super fluvium Reni, 
et ab omnibus civitatibus ob reverentiam principum, qui cum eo aderant, 
honorifice est receptus. Cum autem rex Richardus pervenisset usque 
ad civitatem Basilicnsem (im Jahre 1262), dcfecit ei substantia; tune 
reliquerunt eum principes Alemannie solum, dicentes, quod eum non 
dilexerint ratione persone, sed ratione substantie, et dederunt ei libcllum 
repudii; et per aliam viam reversus est in regionem suam.“ 


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wesenden Deutschen erstaunt und verblüfft gewesen seien 44 . 
Mit besonderem Stolze berichtet Richard von den vielen 
Fürsten und Edlen, die anlässlich seiner Krönung in Aachen 
gewesen seien. Zwei Erzbischöfe, zehn Bischöfe, dreissig 
Herzoge und Grafen und dreitausend Ritter gibt er an. 
Für uns sind folgende nachweisbar: Die Erzbischöfe Ger* 
hard von Mainz und Konrad von Köln, die Bischöfe von 
Cambray, Utrecht, Münster, Paderborn und Lüttich, und 
der Abt von Cornelimünster. Von weltlichen Grossen: Herzog 
Walram von Limburg, Otto von Geldern, Floris von Holland, 
zwei Grafen von Cleve, die Grafen Heinrich und Gerhard von 
Lützelburg, die Grafen Wilhelm und Walram von Jülich, 
Graf Arnold von Looz, Graf Adolf von Berg, der Graf von Bar, 
Johann und Balduin von Avesnes, die Grafen Johann und 
Symon von Sponheim, der Wildgraf Emicho, der Graf von 
Neuenahr, Theodor von Falkenburg, der Graf von Zwei¬ 
brücken, Bernhard von Lippe, Wilhelm von Altona, Werner 
von Boianden und Philipp von Falkenstein 45 . 


III. 

Die Stellung des Pfalzgrafen im Jahre 1257. 

Nächst Konrad von Hochstaden ist der Pfalzgraf Ludwig 
von Wittelsbach der grösste Beförderer Richards gewesen, 
als es galt, dem englischen Kandidaten die deutsche Krone 

44. Thomas Wykes 117; Joh. de Oxen. 210. — Selbst besungen 
wurde dies Fest in England. Vgl. M. O. XXVIII 667 aus der Reim¬ 
chronik Roberts Gtocester: 

„The erl Richard of Cornwaile . . . 

. . . made so noble feste, 

That of alle that me wüste 

It was the richoste and the meste.“ 

45. Vgl. die Zeugen bei Lacomblet II 238 n. 438. — „Mehrere 
Aebte“, wie es Kempf 205 und Bappert 9, Anm. 4 wissen wollen, 
sind in Aachen nicht nachweisbar. 


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zu verschaffen. Schon an der Reise des Erzbischofs Konrad 
nach Prag, die den Zweck hatte, Ottokar von Böhmen für 
Richard zu gewinnen, und die im Sommer des Jahres 1256 
stattfand 1 , beteiligten sich auch unter anderen Philipp von 
Falkenstein und Werner von Boianden 2 , die beide kräftige 
Helfer und treue Anhänger des Pfalzgrafen sind 3 ; mit Ge¬ 
wissheit kann man daraus schliessen, dass Ludwig bereits 
zu dieser Zeit für den Engländer gewonnen war und die 
beiden Ritter mitgeschickt hatte um Konrad bei seinem 
Werben zu helfen und zu unterstützen 4 . 

Ein noch deutlicheres Zeugnis besitzen wir in den Ur¬ 
kunden, die aus den Verhandlungen mit dem Pfalzgrafen 
über Richards Wahl sich ergeben haben. Ludwig verspricht 
danach am 25. und 26. November zu Bacharach, den Eng¬ 
länder unter folgenden Bedingungen zum König zu wählen: 

1. Er ist bereit, eine englische Prinzessin zu heiraten 
und gibt ihr als Mitgift seine Oüter von der Nahe abwärts 
am Rhein entlang. 

2. Diese Hochzeit muss bis zum Pfingstfest des nächsten 
Jahres vollzogen sein, also bis zum 27. Mai 1257. 

3. Besagte Prinzessin erhält eine Mitgift von 12000 
Mark. Davon sollen 4000 drei Wochen nach Weihnachten 
und das übrige am Wahltage selbst bezahlt werden. 

4. Richard leistet nach seiner Wahl auf Sizilien Ver¬ 
zicht und erhält Konradin bei Schwaben und allen seinen 
Besitzungen 5 . 

Am Wahltage selbst, am 13. Januar 1257, hatte 6ich 
dann auch der Pfalzgraf zusammen mit seinem Bruder Hein- 

1. Vgl. Kempf 191 ff. 

2. Continuator Cosrnae. M. O. SS. IX 175. 

3. Vgl. Kempf 192, Anm. 4; Beyer III 998 n. 1383. — Philipp 
war sogar am 28. Mai 1256 von Ludwig mit der Wetterau belehnt 
worden. B. F. 11736. 

4. Vgl. Koch 114. 

5. Vgl. die Urkunden in Constit. II 479—481 n. 377—38Z 


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rieh von Bayern bei Frankfurt eingestellt und für Richard 
seine Stimme abgegeben 6 . 

Daher erscheint es uns recht merkwürdig, wenn wir 
sehen, dass Ludwig sich seit der Wahl des Engländers allem 
Anschein nach ganz von diesem zurückgezogen hat, dass er 
sich nicht mehr um den nun gewählten König kümmert. 
Weder ist er bei dessen Krönung in Aachen anwesend, noch 
hat er sich in Köln bei ihm eingestellt, noch ist er bei der 
Belagerung Boppards Richard zu Hilfe geeilt, wie es der 
Kölner und der Mainzer Bischof taten 7 . Was konnte der 
Pfalzgraf wohl für Ursachen haben, dass er sich nicht wie 
des Königs übrige Anhänger zu ihm gesellte und dass er 
nicht einmal seiner Krönung beiwohnte? 

Dass schon zu dieser Zeit, etwa wegen Verletzung der 
Wahlkapitulation vom November 1256, zwischen beiden eine 
Spannung eingetreten sein könnte, glaube ich nicht. Ludwig 
muss einmal die versprochene Geldsumme erhalten haben, 
da von ihrer Zahlung die Wahl Richards abhängig gemacht 
worden war, zweitens wurde ihm auch das Versprechen in- 
bezug auf Konradin gleich nach der Wahl am 25. Januar zu 
Bacharach bestätigt 8 . Es bleibt also nur noch das Ehever¬ 
sprechen, und dieses ist allerdings nicht innegehalten worden, 
weder zu Pfingsten 1257, wo die Hochzeit mindestens statt¬ 
gefunden haben sollte, noch später. Doch hat wohl kaum 
deswegen eine Verstimmung zwischen dem König und 
Ludwig Platz gegriffen. Der Pfalzgraf hatte sicher seine 
hauptsächlichsten Wünsche erfüllt gesehen, er wird nicht 
so tief entrüstet und beleidigt über das Ausbleiben der Braut 
gewesen sein; überdies befand er sich zur Zeit des Pfingst¬ 
festes wahrscheinlich in Bayern, wie wir noch sehen werden. 
Richard aber wird sich gehütet haben, wenn er seinerseits 


6. Vgl. Kempf 202. 

7. Vgl. Bappert 15. 

8. Vgl. oben S. 20. 


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über das Scheitern des Heiratsplanes verstimmt gewesen 
sein sollte, die Verstimmung Ludwig gegenüber jetzt zu dieser 
Zeit schon zum Ausdruck zu bringen. 

So muss der Wittelsbacher also andere Gründe gehabt 
haben, die ihn von Richard fern hielten. Diese sind einzig 
und allein für diese und die folgenden Monate in der feind¬ 
seligen und bedrohlichen Haltung Ottokars von Böhmen 
gegen die beiden Brüder Ludwig und Heinrich von Wittels¬ 
bach zu suchen 9 . Ludwigs Anwesenheit war zu dieser Zeit 
in Bayern erforderlich, wo er für die Erhaltung und Ver¬ 
teidigung seines eigenen Besitzes Vorkehrungen treffen und 
zusammen mit seinem Bruder zu einem Waffengang vnit 
Ottokar bereitstehen und gerüstet sein musste. So befindet 
er sich dann auch am 6. März in Augsburg, und am 30. März 
ist er bis Kufstein weiter gezogen 10 . Auch die folgenden 
Monate hindurch, in denen die Haltung Ottokars immer be¬ 
drohlicher wurde — im August 1257 kam es zum Kampfe 
— wird Ludwig bei seinem Bruder oder in dessen Nähe ver¬ 
bracht haben. Am 4. Juli ist er jedenfalls noch' zu Neuburg 
nachweisbar 11 . 

Auch während seiner Anwesenheit in Bayern sind jedoch 
die Beziehungen zwischen ihm und Richard nicht völlig ab¬ 
gebrochen gewesen, hat Ludwig noch weiter mit dem König 
in Verbindung gestanden; das ersehen wir deutlich aus 
einem Brief Richards aus Köln vom 28. Mai, der an das 
Domkapitel zu Passau gerichtet ist 12 und sicher auf Veran¬ 
lassung des Pfalzgrafen geschrieben wurde. Am 23. April 
hatte nämlich Ottokar von Böhmen mit dem Bischof Otto 
von Passau ein Bündnis gegen die beiden Brüder Ludwig 
und Heinrich abgeschlossen 13 , Richard wird nun zu diesem 

9. Vgl. Bachmann 567. 

10. Koch-Wille I 38-39 n. 676-678. 

11. Koch-Wille 1 39 n. 682. 

12. Mon. Boica XI 231. Vgl. B. F. 5305. 

13. Koch-Wille I 39 n. 679. 


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Bündnis eine bestimmte Stellung eingenommen, den Bischof 
von Passau vielleicht davon abzubringen versucht haben 14 . 
Da der König sich aber sonst nie von selbst in Reichsange- 
legenheiten eingemischt hat, die sich in solcher Entfernung 
von ihm abspielen, so ist es durchaus wahrscheinlich, dass 
Ludwig sich an den König von Bayern aus gewandt hat 
— cs ist der Notar und Schreiber des Bayernherzogs, den 
Richard nach Passau schickt — um ihn zum Einschreiten in 
dieser Angelegenheit zu veranlassen, was Richard dann also 
auch getan hat. 

Als Ludwig am 4. Juli in Neuburg urkundete, befand er 
sich bereits auf dem Rückwege nach dem Rhein, schon am 
6. Juli ist er in Heidelberg 15 , er muss also den Weg von 
Neuburg nach hier in der grössten Eile zurückgelegt haben. 
Weshalb begab sich nun der Pfalzgraf, obgleich seine An¬ 
wesenheit in Bayern jetzt noch dringender als früher er¬ 
forderlich war, an den Rhein zurück, weshalb tat er dies 
in so grosser Hast und Eile? 

Auch auf diese Frage scheint mir die Antwort nicht 
schwer zu sein. Bekanntlich waren der Pfalzgraf Ludwig 
und der Erzbischof Arnold von Trier aufs schärfste mit¬ 
einander verfeindet. Diese Feindschaft ist durch die Doppel¬ 
wahl sicher nur noch verstärkt worden. Noch am 25. Januar 
verpflichteten sich Werner von Boianden und Philipp von 
Falkenstein mit dessen beiden Söhnen Werner und Philipp 
dem Pfalzgrafen Ludwig zu Bacharach, ihm mit ganzer Macht 
beizustehen gegen Arnold von Isenburg 16 . Zum Kampfe 
jedoch wird es Ludwig in den nächsten Monaten noch nicht 
haben kommen lassen, er wird erst Richards Ankunft haben 
abwarten wollen, um dann den verhassten Feind um sc 

14. In dem Schreiben Richards selbst bietet sich allerdings dafür 
kein Anhaltspunkt, doch kann der Ueberbringer dieses noch einen 
geheimen Auftrag gehabt haben. 

15. Koch-Wille I 39 n. 683. 

16. Beyer Ul 998 n. 1383. 


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sicherer und um so empfindlicher zu treffen. Jetzt schien 
diese Hoffnung der Erfüllung nahe. Am Ende des Monats 
Juni war König Richard in die unmittelbare Nähe ides 
Trierers gekommen 17 , jetzt musste allem Anschein nach der 
Zusammenstoss zwischen beiden erfolgen. Diese Gelegen¬ 
heit wird sich Ludwig nicht haben entgehen lassen wollen. 
Sogar seinen Bruder Heinrich liess er deswegen im Stich 
und eilte schleunigst dem Rheine zu. 

Seine Hoffnung jedoch, gegen Arnold zu Felde ziehen zu 
können, erfüllte sich nicht; Richard hatte das Unternehmen 
gegen den Trierer bereits abgebrochen. Ludwig aber, als 
er dies erfahren hatte, bemühte sich nun nicht weiter, den 
König aufzusuchen, sondern er blieb in Heidelberg 18 . Auch 
in der folgenden Zeit, selbst bei der Belagerung Boppards, 
das doch Richard starken Widerstand leistete, und wo dieser 
wirklich Hilfe hätte gebrauchen können, hat er sich nicht 
bei dem König eingestellt. Wahrscheinlich wandte der 
Pfalzgraf nun seine ganze Aufmerksamkeit wieder den 
bayrisch-böhmischen Angelegenheiten zu. Bald war er ge¬ 
zwungen, seinem Bruder Heinrich mit Heeresmacht zu Hilfe 
zu eilen, denn am Anfang des August hatte Ottokar von 
Böhmen seinen Kriegszug gegen Bayern verwirklicht und 
war in dieses Land eingefallen 19 . Aus dem eben Aus¬ 
geführten geht wohl sicher hervor, dass ein Zerwürfnis 
zwischen Richard und dem Pfalzgrafen Ludwig bis zu dieser 
Zeit nicht stattgefunden haben kann. Die Abwesenheit des 
Pfalzgrafen in Aachen wie in Köln, wie bei der Belagerung 
von Boppard ist nicht darauf zurückzuführen, sondern hat 
ihren Grund in den böhmisch-bayrischen Verhältnissen. 

17. Vgl. unten S. 38. 

18. Koch-Wille I 39 n. 684. Die Urkunde hat zwar keinen 
Ausstellungsort, doch ist sie wohl wie die vorhergehende in oder 
bei Heidelberg ausgestellt, was sich aus ihrem Inhalt ergibt. 

19. Vgl. Bachmann 567. 


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IV. 

Richard von Cornwall und Arnold von Isenburg. 

Es ist bereits angedeutet worden, dass Richard gern 
den Erzbischof von Trier auf seiner Seite gesehen jhätte. 
Schon vor der Wahl waren mit Arnold Unterhandlungen an¬ 
geknüpft und ihm grosse Geldsummen für seine Stimme 
angeboten worden 1 . Dieser verharrte jedoch in seiner feind¬ 
seligen Stellung gegen den Engländer. Seine Feindschaft 
mit dem Kölner Erzbischof und mit dem Pfalzgrafen brachten 
ihn ganz von selbst auf die Seite der Richard feindlichen 
Partei. Sie zwang ihn, französisch-spanische Politik zu 
treiben. Politische und persönliche Gründe waren es also, 
die von vornherein zwischen dem neuen König und dem 
Trierer Erzbischof eine Kluft schufen, die nicht einmal das 
englische Geld zu überbrücken vermochte. Das darf man vor 
allem nicht vergessen, wenn man die weitere Stellung Ar¬ 
nolds zu Richard untersuchen und richtig verstehen will. 

Der Isenburger liess den König nach seiner Wahl nicht 
lange im Unklaren, wie er sich weiter zu ihm zu stellen und 
zu verhalten gedenke. Noch war Richard nicht gekrönt und 
kaum auf deutschem Boden gelandet, da machte der Erz¬ 
bischof, in der sicheren Voraussetzung, dass der König seinen 
Zug den Rhein hinauf nehmen würde, einen Versuch, ihm 
den Weg zu versperren. Sicher war Arnold bekannt, dass 
die Städte Boppard und Oberwesel Richard Widerstand 
leisten und ihm nicht die Tore öffnen wollten 2 . Die dem 
Reiche gehörige Pfalz bei Boppard 3 erschien ihm daher als 

1. Vgl. oben S. 15. 

2. Noch am 1. Januar hatten sich die Bürger von Boppard und 
der Herr von Schöneck einerseits und die Bürger von Oberwesel und 
die Herren von Schönburg andererseits gegenseitig verpflichtet, nichts 
ohne beiderseitige Uebereinstimmung zu tun, insbesondere für den 
Fall, dass sie keinen einstimmig gewählten König haben würden. 
Beyer 111 994 n. 1379. 

3. Vgl. über ihre Lage Bappert 6, Anm. 3. 


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der für sein Vorhaben geeignetste Punkt; er beschloss also, 
sich in ihren Besitz zu setzen 4 . Zu diesem Zweck liess er 
sie von einer grossen Schar Bewaffneter belagern 5 , befahl, 
grosse Maschinen zu ihrer Eroberung herbeizuschaffen, und 
tat alles, um die Pfalz möglichst schnell in seinen Besitz zu 
bringen. Der Erzbischof von Mainz aber, der sich wohl 
auf dem Zuge nach Aachen zur Krönung befand, und der 
von einer grossen Schar Getreuer Richards, also wahr¬ 
scheinlich Männern aus dem mittelrheinischen Adel, begleitet 
war, eilte zum Entsatz herbei. Als Arnold dies hörte, begab 
er sich von Koblenz, wo er sich noch am 7. Mai befand 6 , per¬ 
sönlich zu seinen Belagerungstruppen nach Boppard, um 
selbst dem alten verhassten Feinde entgegenzutreten. Er 
wurde jedoch am 9. Mai 7 von Gerhard geschlagen, wobei er 
empfindliche Verluste erlitten haben und selbst nur mit ge¬ 
nauer Not der Gefangenschaft entronnen sein soll. Der 
Mainzer versah die wieder befreite Pfalz mit neuen Vor¬ 
räten und Besatzungsmannschaften und machte sie dadurch 
zu einem festen Stützpunkt für den König, der ihm später 
bei der Belagerung der Stadt Boppard sicher gute Dienste 
geleistet hat. 

Aus diesem ersten Unternehmen des kriegerischen 
Trierers musste Richard klar und deutlich erkennen, welche 
Stellung er ihm gegenüber einzunehmen hätte. An Ver¬ 
handlungen dachte er natürlich nicht mehr; am 18. Mai 

4. Bappert 6 nimmt an, Arnold habe es getan, um „einen 
Vorposten gegen den feindlichen Pfalzgrafen zu gewinnen“, während 
auch Richard in seinen Briefen nach England berichtet, dass es ge¬ 
schehen sei „in nostri nominis et honoris dispendium.“ 

5. Die folgende Darstellung über das Gefecht bei Boppard stützt 
sich genau und allein auf den Bericht, den Richard in seinen Briefen 
hierüber gibt; sie sind die einzige Quelle dafür. 

6. Görz, Mittelrhcin. Regesten III 313 n. 1389.- — Es geht 
übrigens aus dieser Urkunde nur hervor, dass Arnold an diesem Tage 
in Koblenz war, nicht auf Ehrenbreitstein, wie Bappert 7 schreibt. 

7. Vgl. Bappert 7. 


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schrieb er nach England, dass er alle ihm zur Verfügung 
stehenden Kräfte von den verschiedenen Seiten her zu¬ 
sammengezogen habe, um seine Gegner zu demütigen, und 
dass er vor allem dem Erzbischof von Trier die Hörner zer¬ 
brechen wolle, damit dieser, wie er der erste gewesen sei, 
der gegen ihn aufgewiegelt habe, auch zuerst erfahre, was 
und wieviel seine Hand gegen ihn könne und vermöge. 

Dass Richard in den nächsten Monaten von diesem 
Plan Abstand genommen habe, erscheint mir nicht annehm¬ 
bar. Sicher wird er noch, als er im Juni 1257 die Stadt 
Köln verliess 8 , die feste Absicht gehabt haben, gegen den 
feindlichen Erzbischof zu Felde zu ziehen und seine Aner¬ 
kennung und Huldigung zu erzwingen. Zwar begleitete ihn 
von den beiden Erzbischöfen nur der Mainzer, der Kölner 
war in seiner Residenz geblieben 9 . Doch darf man wohl 
daraus nicht schliessen, wie es Bappert tut, dass sich 1 
Richard damals bereits mit Arnold vertragen hatte. Konrad 
von Hochstaden wollte gewiss erst ab warten, ob seine Gegen¬ 
wart erforderlich wurde. Im Notfall würde er sofort zu 
Richard gestossen sein, wie er es auch später bei der Be¬ 
lagerung von Boppard getan hat 10 . 

8. Am 16. Juni ist Richard in Köln zuletzt nachweisbar. 
B. F. 5311. 

9. Er urkundet am 22., 28. und 30. Juni zu Köln. Westfälisch. 
Urkk. VII 430-434 n. 953, 956—958. 

10. Da in anderen späteren Briefen z. B. in dem Richards an den 
Bischof von Linkoln vom 22. Oktober 1257 (vgl. unten S. 74, Anm. 
3) oder in dem des Bischofs von Lübeck aus dem Sommer des nächsten 
Jahres (vgl. unten S. 68) nichts mehr von einer Feindschaft zwischen 
Amold und Richard erwähnt wird, und da auch Alfons in seinem 
Schreiben vom 16. Oktober 1257 an den Herzog Heinrich von Brabant 
(B. F. 5493) nicht von der Bundesgenossenschaft des Trierers spricht, 
glaubt Bappert Exkurs 11 daraus schliessen zu dürfen, dass inzwischen 
ein Vertrag, ein Waffenstillstand geschlossen worden sei. Meines 
Erachtens darf man jedoch nur daraus schliessen, dass seitdem 
keinerlei direkte Feindseligkeiten mehr von Arnolds Seite erfolgt 


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Der König nahm seinen Marsch den Rhein entlang, 
er liess sich hierbei nirgends längere Zeit aufhalten. Am 
21. Juni urkundet er noch zu Bonn 11 , am 24. desselben 
Monats befindet er sich bereits zu Andernach und bestätigt 
dort dem Kloster Heisterbach ein Privileg Heinrichs VII. 15 
Danach muss ihm die Stadt Andernach jetzt ebenfalls ge¬ 
huldigt haben. Jetzt befand sich Richard in unmittelbarer 
Nähe des Isenburgers; der Kampf, wenn er überhaupt aus- 
gefochten werden sollte, musste nun vor sich gehen. 

Vom Erzbischof von Trier ist nicht bekannt, dass ei 
iirgendwelche Schritte getan hat, seinem Feinde den Weg 
zu versperren. Die Lage, in der er sich befand, kann damals 
nichts weniger als günstig gewesen sein. Allerdings standen 
auf seiner Seite Frankreich, Brabant 13 , die Bischöfe von 
Worms und Speier 14 und einige mittelrheinische Städte, wie 
Worms, Speier und Oppenheim. Besonders war es natür¬ 
lich der starke Rückhalt, den er an Frankreich fand, dei 
ihn bewog, Richard zu trotzen und die Anerkennung zu 
verweigern 15 . Wirkliche Hilfe und tatkräftige Unter¬ 


waren, denn die übrigen Feinde, die Richard noch zu der Zeit besass, 
wie Brabant und Flandern, werden in den beiden ersten Briefen auch 
nicht erwähnt, ebenso sagt auch Alfons in Seinem Schreiben an Heinrich 
nichts von seinen anderen Bundesgenossen. 

11. B. F. 5312. 

12. Urkk. für Heisterbach 226 n. 144, Bonn 1908. — Die Ur¬ 
kunde wird hier zum ersten Male veröffentlicht. 

13. Heinrich von Brabant stand auf seiten Frankreichs und 
Alfonsos, hat also auch zu Arnolds Anhängern gehört. 

14. Die Bischöfe beider Städte hielten zu Alfons. Gesta Trevir. 
M. G. XXIV 413: Ipse (Arnold) adductis secum Spirensi et Womia- 
ciensl episcopis ac aliis pluribus nobilibus terre . . . Alfonsum ... in 
Romanomm regem . . . elegit. Zorn 106: Worms und Speier, auch 
schon da sich ihre bischof drein legten, könnt er unter sein joch nit 
bringen, denn sie wollten ihn nit für einen könig haben. 

15. Matth. Paris 641: Erant enim in regno adhuc aliqui recal- 
citrantes, videlicet archiepiscopus Treverensis, vir potens et bellicosus, 
cui Francorum favor tantam praestitit temeritatem. 


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Stützung wird er jedoch von seinen Verbündeten nicht zu 
erwarten gehabt haben. Richard dagegen hatte sich jetzt 
6chon einen Anhang gewonnen, auf den er sich verlassen 
konnte, der bereit war, wie sich später bei der Belagerung 
Boppards zeigte, für den König einzustehen. Die beiden 
ersten Fürsten des Reichs, der Adel des Niederrheins und 
auch ein grosser Teil von den Edeln des Mittelrheins standen 
hinter ihm. 

Aber auch Richard blieb dem nicht treu, was er in seinen 
Briefen nach England berichtet hatte. Obwohl er sich 
Arnold gegenüber in günstiger Lage befand, und obwohl 
diesem jetzt seine ganze Kriegslust vergangen zu sein scheint, 
hat der König zu dieser Zeit doch von dem Gedanken eines 
Kriegszuges gegen Arnold Abstand genommen und das 
Unternehmen abgebrochen. Zwei Gründe werden hierfür 
ausschlaggebend gewesen sein: 

Einmal waren zu dieser Zeit die politischen Beziehungen 
Frankreichs und Englands im Begriff, eine Aenderung zu 
erfahren 16 . Schon am 22. Juni 1257 begann Heinrich III. 
wieder mit Frankreich Verhandlungen über einen eventuellen 
Frieden 17 , und an demselben Tage sandte er auch bereits 
Richard einen Brief, in welchem er mitteilte, dass er den 
Bischof von Worcester, Hugo le Bigod und den Bruder Adam 
von Marisko zum König von Frankreich entsandt habe, um 
die Friedensverhandlungen fortzusetzen; dass der Bischof, 
sobald er die Absichten und den Willen Ludwigs IX. er> 
kündet habe, Richard aufsuchen solle, um dessen Ratschläge 
darüber entgegenzunehmen, denn ohne diese gehört zu 
haben, wolle er, Heinrich, nichts Bestimmtes abmachen 18 . Er¬ 
wägt man, dass gerade jetzt, wo das Unternehmen gegen 
Arnold in Frage 6tand, der Brief an Richard eingetroffen sein 
muss, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass diese Dinge mit- 


16. Vgl. Gebauer 133. 

17. Rymcr I 358. 


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einander in Zusammenhang gestanden haben. Richard wird 
es besser gefunden haben, den Verbündeten Frankreichs zu 
schonen, und dieser selbst wird sich auch aus diesem Grunde 
schon gehütet haben, seinerseits mit dem Kampf zu beginnen, 
wo sein stärkster Rückhalt, die Feinschaft zwischen England 
und Frankreich, ins Schwanken zu geraten drohte. 

Ausserdem wird aber der König auch bald eingesehen 
und erkannt haben, dass ein Kriegszug gegen Arnold ein 
recht unfruchtbares Unternehmen geworden wäre, und dass 
er dabei nur seine Zeit und sein Geld vergeudet, sein Ziel 
aber vielleicht doch nicht erreicht haben würde. Da er 
in der Uebermacht war, Arnold ihm also den Durchzug, 
selbst wenn er es gewollt und versucht hätte, nicht ver¬ 
wehren konnte 11 , so wird Richard bald zu der Ueberzeugung 
gekommen sein, dass die Zeit besser angewendet wäre, wenn 
er seinen Zug den Rhein hinauf weiter fortsetzte und seine 
Absicht, die Städte auf seine Seite zu bringen, weiter ver- 

18. Rymer I 35S. — In einem Brief vom 28. Juni macht Hein¬ 
rich III. auch dem Papst Mitteilung von seinen Friedensabsichten. 
Vgl. unten S. 53 ff. 

19. Bappert, Exkurs II, meint, Arnold hätte dem König den 
Weg nach dem Süden verlegen können, und Richard würde es nie 
haben wagen dürfen, diesen Gegner in seinem Rücken zu lassen, da 
ihm sonst die Rückkehr nach England abgeschnitten worden wäre; 
schon aus diesem Grunde müsste ein Vertrag zwischen den beiden 
abgeschlossen worden sein. So gefährlich ist jedoch wohl die ganze 
Situation für Richard nicht gewesen. Wenn es einerseits dem Mainzer 
Erzbischof gelungen war, Arnold zu schlagen, und wenn es anderer¬ 
seits Richards Kräfte erlaubten, eine Stadt wie Boppard über einen 
Monat hindurch zu belagern und zu nehmen, dann würde es auch 
Arnold sicher nicht geglückt sein, den Zug Richards längere Zeit auf¬ 
zuhalten oder gar unmöglich zu machen. Ebenso hätte er sich auch 
wieder den Rückweg erkämpfen können. Das einzige, was der König 
wirklich zu fürchten hatte, war, dass man ihn von seiner Verbindung 
mit England abschneiden und ihn damit seiner Mittel berauben 
könnte, eine Gefahr, mit der auch Richard rechnete, und die er 
durchaus nicht unterschätzte. Vgl. die folgende Darstellung. 


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folgte. Zu einem ernstlichen Kampf ist es daher zwischen 
beiden überhaupt gar nicht gekommen. Richard scheint 
sich vielmehr darauf beschränkt zu haben, bei seinem Zug 
das Gebiet des Erzbischofs als ein feindseliges zu behandeln 
und zu verheeren 20 . Im übrigen liess er ihn in Ruhe und 
kümmerte sich nicht weiter um ihn. Spätestens bis zum 

29. Juni muss sich der König zu dieser Haltung entschlossen 
haben, da der Erzbischof Gerhard von Mainz sich am 

30. Juni bereits wieder in seiner Residenz befindet 21 und 
Richard ihn also mindestens schon einen Tag vorher von 
der Aenderung seiner Pläne in Kenntnis gesetzt haben 
haben muss. Auch der Pfalzgraf Ludwig, der zu Beginn des 
Juli zur Bekämpfung des Trierers aus Bayern herbeieilte, 
änderte nichts an diesem Beschluss. Richard richtete viel¬ 
mehr sein Ziel nun fest und unverrückt darauf, möglichst 
schnell den Mittelrhein und Mainz zu erreichen, wo Gerhard 


20. Zorns Chronik 105 berichtet von Richards Zug den Rhein 
entlang: „Dadurch (gemeint ist die Krönung zu Aachen) er viel über- 
müthiger worden und fast alle städt am Rhein, demnach er den frieden 
so sie unter Wilhelmen mit einander gemacht zerstöret, unter sich ge¬ 
bracht. dem bischof von Trier, als er ihn in der güte ihm nit anhängig 
machen könnt, hat er sein ganz land mit feuer und krieg verheeret. 
Bopparden hat er belagert und gewonnen.“ Dies ist der beste 
Beweis dafür, dass Bapperts Annahme falsch sein muss. Vor der 
Belagerung Boppards können sicher keine freundlichen Verhand¬ 
lungen zwischen Richard und Arnold gepflogen worden sein. — Auch 
Bappert hält übrigens die Zornsche Chronik für durchaus glaub¬ 
würdig. Vgl. Bappert 8, Anm. 1. 

21. Böhmer-Will II 339 n. 190. — Als Argument für seine Be¬ 
hauptung führt Bappert auch diesen Punkt an, dass nämlich Firzbischof 
Gerhard dem König nach Mainz vorausgeeilt war, „wohin er doch nicht 
allein mitten durch feindliches Gebiet gelangen konnte.“ Aber 
Gerhard ist doch, als er nach Aachen zog, durch das Gebiet des 
Trierers gekommen und hat dabei sogar noch ein Treffen gegen 
Arnold siegreich bestanden! Weshalb sollte er nun, wo dieser 
seine Faust bereits gefühlt hatte, auch nicht den Weg wieder zurück¬ 
finden können? 


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die Vorbereitungen zu seinem Empfang eben zu treffen sich 
anschickte. 

Man darf diese Politik Richards nicht verurteilen. Was 
er einbüsste, stand zu dem Gewinn in keinem Verhältnis. 
Ein längerer Kriegszug gegen Arnold hätte, zumal der König 
noch bei der Belagerung Boppards über einen Monat auf¬ 
gehalten wurde, wahrscheinlich die Folge gehabt, dass er 
überhaupt nicht in diesem Jahre über den Mittelrhein hinaus¬ 
gekommen wäre. Die Anerkennung der dortigen Städte 
wäre dadurch mindestens stark verzögert worden. 

Andererseits sind natürlich auch die Nachteile dieser 
Politik nicht ausgeblieben. Der Grund für die so plötzliche 
und so unerwartete Umkehr Richards bei Weissenburg, am 
20. September, kann nicht ausschliesslich 1 und allein in seiner 
Geldnot gesucht werden 22 . Die Geldsendungen, deren er 
bedurfte, und die ihm von England aus zugingen, hätte er 
auch wohl am Oberrhein erwarten können. Hier kam nun 
Jedoch hinzu, dass er bei seinem Vordringen einen Feind 
wie den Trierer Erzbischof hatte im Rücken lassen müssen. 
Die Befürchtung, dass dieser leicht die Gelegenheit be¬ 
nützen könnte, ihn empfindlicher zu treffen, indem er ihm die 
Verbindung mit England sperrte, lag doch sehr nahe. So 
sah sich der König gezwungen, seine Politik, die rheinischen 
Städte zu gewinnen, aufzugeben und den Rückweg anzu¬ 
treten. Nicht einmal in Mainz konnte er bleiben und hier die 
eben angeknüpften Verhandlungen mit Worms und Speier 
fortsetzen, die anscheinend einem günstigen Abschluss ent¬ 
gegen gingen. Er musste diese Verhandlungen abbrechen 
und sich Jenseits des Trierer Gebiets begeben 23 . Schon aus 
diesem Umstande könnte man, selbst wenn keine andere 
Nachricht über das weitere Verhältnis Richards und Arnolds 
erhalten wäre, schliessen, dass eine Annäherung zwischen 
beiden noch nicht stattgefunden hatte. 


22. Vgl. Bappert 20. 

23. Vgl. Bappert 21 ff. 


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Doch wissen wir auch aus mehreren Bemerkungen des 
Matthäus Paris, dass die Beziehungen Richards und Arnolds 
im Winter 1257/58 noch dieselben waren, wie ehedem 84 . 
Auch haben sie sich wohl im Jahre 1258 nicht verändert, der 
Isenbuiger ist bis zu seinem Tode ein Feind des Engländers, 
ein Anhänger des Spaniers und seiner Partei geblieben. 
Allerdings, es hat im Sommer 1258 den Anschein, als wenn 
Arnold die Sache Alfonsos aufgegeben und zu Richard über* 
gehen will. Derselbe Matthäus Paris erzählt uns nämlich, 
dass der Trierer Erzbischof in seiner Eigebenheit schwankend 
geworden sei, und dass er Alfons habe sagen lassen, er 
werde, wenn dieser nicht bald sein Versprechen erfülle und 
ins Reich komme, sich auf die Seite Richards stehen 85 . Auch 
wissen wir bestimmt, dass der Bischof Johann von Lübeck im 
August 1258 zu diesem Zweck mit dem Isenburger eine Zu¬ 
sammenkunft in Koblenz hatte 86 , und dass diesem 12 000 
Marie für seine Huldigung geboten worden sind 87 . Das Er- 


24. Matth. Paris 657: „Eodemque tempore increbuerunt rumores 
multis displicentes, videlicet quod rex Hispaniae se asseruit prius 
quam comes Ricardus in regno Romanorum eligeretur rite fuisse elec- 
tum, in cuius rei argumentum archiepiscopus Trevirensis adhuc cum 
iUo rege Hispaniae incommutabiliter steterat, et quidam alii nobiles de 
Alemannia cum eo.“ Vgl. ferner unten S. 57. 

25. Matth. Paris 699: Treverensis vero archiepiscopus, qui 
diu languerat . . . significavit dicto regi, quod nisi rex Hispaniae 
in succursum ipsius archiepiscopi et ducis Braibantiae, qui eidem regi 
Hispaniae confoederabantur, veniret, sicut certe promiserat, ipsi memo* 
rato regi Alemanniae Ricardo fideliter et inseparabiliter adhaerentes 
obedirent. 

26. Vgl. unten S. 70. 

27. Vgl. die Urkunde vom 5. Juli 1266 bei Hontheim, Histor. 
Trever. I 784, Heinrich, der Nachfolger des am 5. November 1259 
verstorbenen Arnold von Isenburg, wendet hier gegen eine Forderung 
von 600 Mark durch Kaufieutc von Siena ein, dass er zur Zahlung 
nicht verpflichtet sei, „nisi prius sibi plenarie satisfieret a domino 
Richardo rege Alemannie de duodecim marcarum sterlingorum quod 
dare vohiit idem rex predecessori eiusdem electi ante obitum eius.“ 
Um die bei den Wahlverhandlungen in Aussicht gestellten 12000 
Mark kann es sich hier nicht handeln. 


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gcbnis dieser Verhandlungen ist jedoch unbekannt geblieben. 
Nach den Chronisten aber sind Richard und Arnold bis zum 
Tode des Isenburgers, der am 5. November 1250 erfolgte, 
Feinde geblieben. Nicht so grossen Wert möchte ich hierbei 
legen auf das positive Zeugnis der Sächsichen Weltchronik 2 ®, 
wie auf das negative des Matthäus Paris. Stand dieser auch 
der kostspieligen auswärtigen Politik König Heinrichs 111. 
durchaus skeptisch und feindselig gegenüber, so kann er 
sich doch von einem gewissen Stolz und von einem behag¬ 
lichen Selbstgefühl nicht freimachen, wenn er von den Er¬ 
folgen des englischen Königssohnes in Deutschland und von 
dessen römischen Königtum berichtet Sicher hätte er es 
nicht unerwähnt gelassen, wenn Arnold Richard doch noch 
zuguterletzt anerkannt haben würde 29 . 


V. 

Richards erster Aufenthalt in Mainz. 

Wie Aachen und Köln, so hatte auch Mainz Richard 
gleich nach der Wahl als König anerkannt 1 . Besonders von 
dieser Stadt und von seinem Aufenthalt in ihren Mauern scheint 
sich Richard, wie sich später zeigen sollte mit Recht viel ver¬ 
sprochen zu haben. Schon seit dem Juni des Jahres 1257 

28. M. G. Deutsche Chroniken II 284: Der bischof von Trire 
unde der Herzoge von Sachsin unde der maregrave von Brandenborg 
die hatten in vor keinen König bis an sinen tot. 

29. Vgl. unten S. 102. 

1. Richard bemerkt dies ausdrücklich in der Urkunde, die er 
am 20. August 1260 den Mainzer Bürgern ausgestellt hat. Vgl. K. A. 
Schaab, Gesch. des grossen rhein. Städtebundes II 50 n. 35. 

2. Vgl. oben S. 41. 


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sehen wir den König eifrigst danach streben, Mainz zu er¬ 
reichen 2 . Der Widerstand Boppards verzögerte dies nahezu 
um zwei Monate. Erst als sich diese Stadt am 21. oder 22. 
August ergeben hatte 3 , konnte er den Marsch auf Mainz fort¬ 
setzen. Hierbei scheint er nirgends mehr lange verweilt zu 
haben, weder in Oberwesel, noch in Bacharach, noch jln 
Bingen 4 . Den 25. August, der ein Sonnabend war, und an 
dem Richard sich noch nicht in Mainz befand 5 , wird er zu 
Vorbereitungen für den Einzug benutzt haben. Am Sonntag, 
den 26. August hat er dann seinen Einzug in die Stadt ge¬ 
halten 6 . 

Schon zwei Tage vorher, am 24. August, hatte sich der 
Bischof von Strassburg, Heinrich von Stahleck, in Mainz 
eingefunden 7 , um Richard zu erwarten und ihm zu huldigen. 
Er sollte bald und noch hier Gelegenheit bekommen, sich in 
des Königs Dienste zu betätigen und ihm seine Ergebenheit 
zu beweisen. 

Richard verweilte in der Residenz Gerhards ebenso lange 
wie in Köln, nämlich volle drei Wochen, vom 26. August 
bis zum 16. September 8 . Es ist ihm hier gelungen, die 
wichtigsten Städte der Wetterau nebst einigen anderen auf 
seine Seite zu ziehen und die Beschlüsse des Städtebundes 
dadurch endgültig zunichte zu machen. So finden wir auch 
aus der Zeit seines Mainzer Aufenthaltes nur drei Urkunden 


3. Da sich Konrad von Hochstaden, der doch wahrscheinlich 
solange im Lager blieb, bis die Stadt gefallen war, am 24. August wieder 
in Köln befindet (Westfälisch. Urkk. VII 435 n. 961), so wird die Ein¬ 
nahme demnach zwei bis drei Tage vorher, also etwa am 21., 22. 
August erfolgt sein. 

4. Das Chronikon Wormatiense 187 berichtet uns nur, dass er 
nach Einnahme Boppards über Bingen nach Mainz gezogen ist. 

5. Chronikon Wormat. 193. 

6. An diesem Tage urkundet Richard bereits zu Mainz. Vgl. die 
folgende Darstellung. 

7. Nassauisch. Urkk. I 2, 402 n. 666. 

8. B. F. 5316—5329. 


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vor, die nicht für Städte ausgestellt sind. Die eine, vom 
26. August, bestätigt dem Kloster Walkenried seine alten 
Privilegien 9 , die andere, am .9 September für die Abtei 
Limburg an der Haardt gegeben, sichert dieser Abtei den 
Schutz des Königs zu 10 , und die dritte, am 15. September für 
die Mainzer Kirche erteilt, bestätigt die Schenkung der 
Kirche zu Ehenheim in der Strassburger Diözese 11 . AMe 
übrigen recht zahlreichen Urkunden sind für Städte aus¬ 
gestellt. 

Schon am 28. August erhielt ScMettstadt eine Bestätigung 
aller alten Freiheiten und Rechte 1 *, also eine Stadt, die noch 
oberhalb Strassburgs lag und schon das Königtum Richards 
anerkannte. Die Huldigung der meisten Städte erlangte er 
jedoch erst später, nämlich auf dem Hoftage vom 8. Septem¬ 
ber. An diesem Tage haben ihn die Städte Frankfurt, Geln¬ 
hausen, Wetzlar, Friedberg und Nürnberg als König aner¬ 
kannt und ihm den Treueid geleistet, also Städte, deren 
Besitz und Anerkennung sicher für Richard von grossem 
Werte war, zumal sie schon rechts vom Rhein und tiefer im 
Lande lagen. Während der König aber vorher seine Politik, 
niemals neue Privilegien zu erteilen und neue Rechte zu 
verleihen, streng durchgeführt hatte, sah er sich diesen 
Städten gegenüber genötigt, diesen Grundsatz aufzugeben. 
Sie scheinen ihn also nicht gleich ohne weiteres anerkannt, 
sondern anfangs Schwierigkeiten gemacht zu haben. Die 
vermittelnde Rolle übernahmen Gerhard von Mainz und 
Heinrich von Strassbuig, und besonders Frankfurt und 
Oppenheim sollen nur durch ihre Hilfe zur Anerkennung 


9. Urkk. für Niedersachsen II 224 n. 327. Das Kloster liegt 
im Südharz bei Ilfeld. 

10. Würdtwein, Monasticon Palatimim I 113. 

11. Würdtwein, Nova Subsidia Diplomata VIII, 219. — Wilhelm 
von Holland hatte am 16. März 1255 dem Dekan und dem Kapitel 
der Kirche zu Mainz die Kirche zu Ehenheim verliehen. B. F. 5421. 

12. Winkelmann 1 449 n. 558. 


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Richards bewogen worden sein 13 . Es scheint, dass ein Kom¬ 
promiss zwischen beiden Parteien geschlossen wurde, auf 
Grund dessen Richard zwar die Anerkennung der Städte 
erlangte, aber nicht, ohne zu ihren alten Privilegien neue 
Rechte und Zugeständnisse weitgehendster Art hinzuzufügen. 

So erhielten denn die Städte Frankfurt, Gelnhausen, 
Wetzlar und Friedbeig folgende Privilegien 14 : 

1. Alle früheren Freiheiten und Rechte werden be¬ 
stätigt 

2. Der König verspricht, dass er keinen Bürger zwingen 
wird, seine Tochter oder seine Enkelin oder sonst eine Bluts¬ 
verwandte an irgend jemand zu verheiraten. 

3. Kein Bürger der Städte darf gefangen genommen 
werden, um Geld von ihm zu erpressen. 

4. Die Städte dürfen nicht veräussert oder verpfändet 
werden, sondern müssen unmittelbar beim Reiche bleiben. 

5. Alle Güter, welche die Büiger bisher besassen, und 
die verpflichtet waren, zur Reichssteuer beizutragen, sollen 
weiter steuerpflichtig sein, sofern sie, gleichviel ob an 
Kleriker oder Laien, veräussert werden. 

6. Innerhalb der Mauer der Stadt soll keine Befestigung 
angelegt und keine Burg gebaut werden. 

7. Richard muss die Büiger von dem ihm geleisteten 
Eide entbinden, wenn er vom Papste bei Androhung des 
Bannes verworfen und ein rechtmässiger König gegen ihn 
aufgestellt werden sollte. 

Für Frankfurt besonders gab Richard dann noch die 

13. Zorns Chronik 106: Frankfurt und Oppenheim hat er durch 
hülf des bisdiofs von Mainz und Strassburg eingenommen. 

14. Es sind für jede Stadt je zwei Urkunden ausgestellt worden, 
die völlig gleich lauten, und von denen die erste die Punkte I—V, die 
zweite die Punkte VI—VII enthält. Sie sind gedruckt für Frankfurt 
bei Böhmer-Lau I 104 n. 216, 217, für Gelnhausen bei Reimer-Hess. 
Urkk. II I, 237 n. 325, 326, für Wetzlar bei Beyer III 1026 n 
1415, 1416 und für Friedberg bei Foltz I 11 «. 35, 36. 


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Verfügung, dass es mit der Vogtei, die von Kais« - Friedrich 
mit Bewilligung der Reichsfürsten aufgehoben sei, so bleibe 
wie bisher, dass die Einkünfte dieser Vogtei zurrt 
Schultheissenamte zu schlagen seien, dass die Hälfte der 
Frankfurter Münze zur Unterhaltung der Mainbrücke zu ver¬ 
wenden sei, und dass das dazu erforderliche Bauholz, kraft 
alter Privilegien, aus königlichen Forsten zu nehmen sei. 

Von diesen Privilegien besassen alle vier Städte schon 
das Recht, dass der König ihre Töchter nicht zur Ehe zwingen 
dürfe, das ihnen bereits am 15. Januar 1232 von König 
Heinrich (VII.) erteilt worden war 13 . Ebenso hatte König 
Wilhelm den Städten Frankfurt und Gelnhausen im August 
1234 versprochen, dass sie nicht veräussert werden sondern 
beim Reiche bleiben sollten 11 '. Frankfurt war auch schon am 
10. Mai 1233 das halbe Einkommen der dortigen Münze und 
das Holz aus dem Reichswald zur Wiederherstellung und 
Unterhaltung der Mainbrücke von Heinrich (VII.) zuge¬ 
standen worden 17 . Alle übrigen Privilegien jedoch, also 
weitaus die grössere Zahl der angeführten Rechte, hat 
Richard den Städten neu verliehen 18 . 

Was die Stadt Nürnberg anbetriffi, deren Anerkennung 
der König ebenfalls am 8. September erlangte, so verzichtete 
er ihr gegenüber auch auf das Recht des Ehezwanges, ver¬ 
sprach auch, dass kein Bürger zur Erpressung von Geld ge¬ 
fangen genommen werden sollte und gab ebenfalls für sie 

15. Böhmer-Lau I 49 n. 94. 

16. Vgl. für Frankfurt Böhmer-Lau I 87 n. 181 und für Geln¬ 
hausen Reimer II 1, 134 n. 173. 

17. Böhmer-Lau I 55 n. 107. 

18. Die Belegstellen, die Bappert 17 anführt, um zu zeigen, 
dass die von Richard den Wetterauischen Städten erteilten Privilegien 
sich schon zum grössten Teil in ihrem Besitze befanden, beziehen 
sich nur auf den Verzicht Heinrichs (VII.) auf den Ehezwang gegenüber 
allen vier Städten (B. F. 4225) und auf Privilegien, die speziell nur 
Frankfurt erteilt sind. (B. F. 4382, 4408, 5199.) 


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die Bestimmung über die Steuerpflichtigkeit der Güter 19 . 
Diese Privilegien sind sämtlich neu gegeben worden und 
noch nicht im Besitze der Stadt gewesen. 

Um diese Zeit etwa und wohl nach dem Hoftage vom 
8. September müssen die meisten englischen Begleiter 
Richards nach ihrem Vaterlande zurückgekehrt sein, denn 
die Urlaubszeit, die ihnen Heinrich III. bewilligt hatte, war 
beim grössten Teil der Ritter abgelaufen. Auch Richards 
ältester Sohn Heinrich begab sich mit ihnen nach England 
zurück 20 . Dreiunddreissig englische Ritter werden Richard 
also jetzt verlassen haben ; doch scheinen auch die übrigen, 
deren Urlaubszeit länger bemessen war, schon jetzt von 
ihm geschieden zu sein, mit Ausnahme jener neun, [die 
Richard zu persönlichem Dienste in Deutschland verpflichtet 
waren, und mit denen er dann selbst im Januar 1259 nach 
der Heimat zurückkehrte 21 . 

Ihre Anwesenheit in Deutschland war auch wohl über¬ 
flüssig geworden; viel helfen und unterstützen haben sie 
Richard jedenfalls nicht können. Sie seheinen eine recht 
unbedeutende Rolle am Hofe des Königs unter den Deutschen 
gespielt zu haben; sind sie doch nicht einmal in den Ur- 


19. Historia Norimbergensis Diplomatica 136. — Da sich in 
dieser Urkunde keine Bestätigung der alten Privilegien Nürnbergs 
befindet, so wird auch dieser Stadt noch eine zweite Urkunde aus¬ 
gestellt sein, die verloren gegangen ist, und in der den Bürgern die 
schon erlangten Rechte, vor allem das Privileg Friedrichs II. vom 
8. Oktober 1219 über die Unveräusserlichkeit der Stadt (B. F. 1069), 
bestätigt sein werden. Vgl. Bappert 17, Anm. 1. 

20. Matth. Paris 653: Et circa festum St. Michaelis, redierunt in 
Angliam Henricus filius domini regis Alemanniae Ricardi, et cum 
ipso quidam nobiles, qui cum dicto rege steterant, Anglici, videlicet 
dominus Hugo Dispensator, Jacobus de Aldelia, Stephanus Cheinduit, 
et alii quamplures. — Die ausser Heinrich genannten Männer gehören 
zu jenen dreiunddreissig, die bis Michaelis 1257 Urlaub hatten. 

21. Die Angabe der Quellen über die Zahl der mit Richard 
zurückgekehrten Ritter schwankt zwischen acht und zehn. Vgl. 
Bappert 36, Anm. 2. 


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künden als Zeugen mit aufgeführt Wenn man wohl auch 
nicht annehmen darf, dass sie geradezu auf Betreiben der 
deutschen Fürsten von Richard fortgeschickt wurden* 2 , wie 
es die englischen Chronisten erzählen 23 , so werden wir doch 
glauben dürfen, dass die Deutschen gleich vom Beginn der 
Regierung Richards an möglichst englische Beeinflussungen 
von dem König femzuhalten suchten 24 , da er ja dann — 
wenigstens werden sie dies gehofft haben — ihren eigenen 
Interessen noch gefügiger und dienstbarer werden musste. 

Die Stadt Oppenheim hatte zu dem Hoftage vom 8. Sep¬ 
tember ihre Abgesandten nicht geschickt Dadurch scheint 
sich Richards Aufenthalt in Mainz etwas verzögert zu haben. 
Oppenheim bereitete dem König von allen Städten die 
meisten Schwierigkeiten, und Gerhard von Mainz und der 
Bischof von Strassburg werden alle Mühe gehabt haben, sie 
für Richard zu gewinnen. Erst am 13. September waren 
die Verhandlungen von Erfolg begleitet An diesem Tage 
verspricht Richard der Stadt Oppenheim, dass zu seiner 
Lebenszeit keine Buig dort errichtet werden soll, und 
sichert ihr Veigebung zu für die Zerstörung der Burg, die in 


22. Denn einmal war ja, wie gesagt, ihre Urlaubszeit abge¬ 
laufen, zweitens ist wohl auch die Anwesenheit einiger von ihnen 
dringend in England erforderlich gewesen, so z. B. die Jakobs de 
Audeleger; vgl. Joh. de Oxen. 214. 

23. Anna!, de Dunstapl. 203: Speciales quosdam, quos de Anglia 
secum adduxit, ut Jacobum de Auditheleye, et Stephanum de Cheyndut, 
et alios sibi familiäres, consiliarii sui de Alemannia statim in Angliam 
remiserunt. 

24. Joh. de Oxen. 211 schmückt die Erzählungen der englischen 
Chronisten, dass die Ritter von den Deutschen zurückgeschickt seien, 
noch weiter aus, indem er uns diese letzteren und Richard in einem 
förmlichen Dialoge vorführt, wie sie den König bitten, sich ganz unter 
ihren Schutz zu stellen und die englischen Ritter zu entlassen, und wie 
auch der König dem zustimmt. Wenn dieser Dialog auch wohl nie 
gehalten worden ist, so scheint er mir doch mit gutem Geschick und 
richtigem Instinkt die Verhältnisse so zu charakterisieren, wie sie in 
der Tat damals lagen. 


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ihren Mauern einst errichtet war 25 . Ebenso verspricht er 
den Bürgern, dass sie drei Jahre hindurch von allem Dienste 
frei und ihm nicht weiter verpflichtet und von ihrem Eide 
gelöst sein sollen, wenn vom Papst inzwischen ein anderer 
König bestätigt worden sei. Eine Urkunde hierüber ist uns 
nicht erhalten; die Wormser Annalen berichten uns jedoch 
davon und bezeichnen als Tag der Ausstellung den 15. Sep¬ 
tember. Nach ihnen erfolgte dann auch Oppenheims Er¬ 
gebung an eben diesem Tage 26 , was auch richtig sein wird, 
da Richard am 16. September der Stadt alle Privilegien und 
Freiheiten bestätigt und hier ebenfalls auf das Recht des 
Ehezwangs verzichtet 27 . Alle diese Privilegien sind vorher 
nicht im Besitze Oppenheims nachweisbar. 

Doch auch hiermit war Oppenheim noch nicht voll¬ 
ständig gewonnen. Als Richard nach dem 16. September von 
Mainz aufbrach, sah er seinen Weg nochmals durch den 
Widerstand ihrer Bürger gehemmt. Die Oppenheimer fürch¬ 
teten anscheinend von dem Anhang Richards Gewaltig¬ 
keiten und suchten sich dagegen zu sichern. Noch ein¬ 
mal sah sich daher der König vor Oppenheim zu Verhand- 
handlungen mit dieser Stadt gezwungen, und erst als er ihr 
am 18. September das Versprechen gab, dass er in ihre 
Mauern keinen von den Edeln einlassen wollte, welche durch 
Gefangennahme, Brand und Raub die Einwohner geschädigt 
hätten, es sei denn, dass dies gesühnt sei, oder dass die 
Bürger den Eintritt besonders gestatteten 28 , öffnete Oppen- 


25. Franck, Geschichte Oppenheims 239 n. 15. 

26. Annal. Wormat. 155. Sie sind ebenfalls bei Boos abgedruckt. 

27. Franck 239 n. 16. — Zu den wichtigsten älteren Privilegien 
der Stadt gehörte das Versprechen Wilhelms vom 14. Oktober 1254, 
die Stadt nicht veräussern zu wollen, und die Erlaubnis, neue Münzen 
schlagen zu dürfen, die ihr ebenfalls Wilhelm am 20. März 1255 
erteilt hatte. Franck 237 n. 11 und 238 n. 13. 

28. Franck 240 n. 17. 


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heim dem König die Tore 29 . Dieser soll ihr dann als 
Schultheissen den Ritter Jacob Litwilre bestimmt haben 30 . 


VI. 

Richards erste Erfolge in Italien. 

Richard von Cornwall benutzte die Tage seines Aachener 
Aufenthaltes, um verschiedene Briefe nach England zu 
richten. Stolz auf die soeben errungene hohe Würde spricht 
aus ihnen, frohe Zuversicht und Hoffnung, sich in ihrem 
Besitz zu behaupten und ihrer wert zu werden 1 . 

Aber der eben gekrönte König blickte bereits weiter aus. 
Seine letzte Absicht, das zeigt sich jetzt schon deutlich, ging 
nicht nur nach der Königskrone; der alte Ehrgeiz und das 
alte Streben der deutschen Herrscher ergriff auch ihn. 
Richard richtete seine Augen nach dem Süden, nach Rom, 
nach der Kaiserkrone. In einem Briefe 2 , der ebenfalls jn 
diesen Tagen geschrieben sein muss 3 , teilte er dem Senat 
und dem Volk von Rom mit, dass die Wahl der Fürsten 

29. Es geht weder aus den vorhandenen Urkunden noch aus 
den Quellen mit Bestimmtheit hervor, dass Richard in Oppenheim 
selbst gewesen ist. Da es sich aber in der letztgenannten Urkunde 
nur um Verhandlungen über den Einzug Richards zu handeln scheint, 
und da diese Verhandlungen anscheinend zu einem befriedigenden 
Resultat geführt haben, so wird man annehmen können, dass Richard 
diese Stadt betreten hat. 

30. Annal. Wormat. 155. 

1. Vgl. oben S. 15 Anm. 31 und S. 25 Anm. 28. 

2. N. A. XXX 685. 

3. Da Richard hier als „rex Romanorum“ spricht, andererseits 
aber noch nicht von seinem Fortkommen in Deutschland berichtet 
Vgl. Bappert 9. 


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einmütig auf ihn gefallen sei, und dass er auch zugestimmt 
habe, die Bürde des Reiches auf sich zu nehmen; nicht aus 
Gier nach der Herrscherwürde oder aus Gier nach Reich¬ 
tum, sondern zum Ruhme Gottes, aus Dankbarkeit gegen 
die heilige Kirche, zur Ehre der heiligen Stadt und zur 
Festigung des rechten Glaubens. Er betrachte es als eine 
seiner Hauptpflichten, die Herrlichkeit der Stadt Rom zu 
erhöhen, ihr den Frieden und das Recht zu erhalten, alle 
alten verloren gegangenen Rechte dort wiederherzustellen 
und alle ihre Widersacher zu unterwerfen. Aus dem Inhalt 
dieses Briefes kann Inan wohl schliessen, dass Richard schon 
jetzt an einen Römerzug und an die Erwerbung der Kaiser¬ 
krone gedacht hat. Auch dem Papst wird der König gleich 
nach der Krönung zu Aachen von seiner Wahl haben Mit¬ 
teilung machen lassen. Vermutlich ist der Erzbischof Johann 
von Messina, der im Mai 1257 als Heinrichs Bevollmächtigter 
an die Kurie heimkehrte 4 , damit betraut gewesen. Be¬ 
stimmt haben die etwa im Juni nachfolgenden Gesandten 
Heinrichs, unter denen sich der Erzbischof von Tarantaise, 
Simon von Montfort, Peter von Savoyen und Johannes 
Mansell befanden 5 , Aufträge hinsichtlich Richards gehabt. 
Vor .allem spricht dafür, dass Johannes Mansell zu dieser 
Gesandtschaft gehört hat, der sich schon um die Königswahl 
Richards grosse Verdienste erworben hatte. Auch sind die 
Beglaubigungsbriefe der Gesandtschaft am 26. und 28. Juni 
ausgestellt, also zu einer Zeit, wo Heinrich sich gerade zum 
Frieden mit Frankreich entschlossen hatte, einem Schritt, 
der ebenfalls in engsten Beziehungen zu den Angelegen¬ 
heiten seines Bruders stand 6 . Ja Heinrich 111. machte sogar 
dem Papst selber am 28. Juni, also gleichzeitig mit jenen 
Beglaubigungsbriefen, die offizielle Mitteilung, dass er sich 


4. Rymer 1 355. 

5. Rymer I 359. 

6. Am 22. Juni 1257 wurden neue Friedentverhandlungen ein¬ 
geleitet. Vgl. oben S. 39. 


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mit Ludwig IX. zu versöhnen gedenke, weil das sizilische 
Unternehmen unter der Zwietracht leide 7 . Hierdurch wird 
der englische König aber sicher auch ein günstigeres Ver¬ 
hältnis zwischen Alexander und seinem Bruder herbei¬ 
zuführen gehofft haben. Jedenfalls hat hier ein Zusammenhang 
mit den deutschen Angelegenheiten bestanden, und aller 
Wahrscheinlichkeit nach war auch die Gesandschaft vom 
Juni mit bestimmten Aufträgen Richards versehen, die seine 
Stellung zur Kurie und seine Kaiserkrönung betrafen. Doch 
können wir hier nur zwischen den Zeilen lesen, eine be¬ 
stimmte Nachricht haben wir nicht. Dagegen wissen wir 
aus einem Briefe 8 des Patriarchen von Aquileia, Gregor 
von Montelongo, vom Ende des Jahres 1257, dass Richard 
zu dieser Zeit seine Kaiserkrönung bedachte und betrieb. 
Wir erfahren aus dem betreffenden Briefe, dass der König 
dem Patriarchen seine Wahl angezeigt und ihm gegenüber 
den Wunsch und die Absicht ausgesprochen hat, sich zum 
Kaiser krönen zu lassen. Richard hatte sich an Gregor ge¬ 
wandt, damit dieser sich beim Papst für ihn verwende. 

Wir wissen, dass Alexander, zusammen mit Frankreich, 
vor der Wahl Alfons von Kastilien begünstigt hatte. Es 
entstand nun die Frage, welche Stellung er nach der Wahl 
den beiden Kandidaten gegenüber einnehmen würde. 
Deutlich genug hatte er gezeigt, dass er nicht willens war, 
die deutsche Angelegenheit ohne sein Eingreifen sich weiter 
entwickeln zu lassen. Als er am 28. März 1256 im Namen 
des erledigten Reiches den Bischof von Verdun belehnte, 
tat er dies unter der Bedingung, dass dieser dem zukünftigen 
Könige nur dann den Treueid erneuere, wenn dessen Wahl 
vom apostolischen Stuhle bestätigt wäre 9 . Als er am 1. April 
1257 die Stadt Pisa durch den Minoriten Mansuetus vom 


7. Rymer 1 359. 

8. Winkelmann I 585 n. 741. Ueber die Zeit der Abfassung 
und über den Verfasser vgl. den Herausgeber, Anm., und B. F. 11 800. 

9. B. F. 9054. 


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Banne lösen Hess, musste diese versprechen, nur einen von 
der Kurie bestätigten König oder Kaiser anzuerkennen 10 . 
Trotzdem wird Alexander unter den Verhältnissen, wie sie 
augenblicklich lagen, sich nicht entschlossen haben, 
seinen Approbationsanspruch zu betonen 11 . Die Beziehun¬ 
gen zu Heinrich III. und seine sizilische Politik verboten 
ihm, gegen Richard vorzugehen; für diesen König sich aber 
zu entscheiden, einen König, der die deutsche, dessen Bruder 
die sizilische Krone trug, war gegen alle Tradition päpstlicher 
Politik. Ausserdem war Alexander aber auch anscheinend 
an ein geheimes Abkommen mit Frankreich gebunden. Er 
verhielt sich daher Richard wie Alfons gegenüber abwartend. 
Es ist Uns auch aus dem Sommer lind Herbst 1257 keine Ver¬ 
fügung oder Bestimmung bekannt, auf Grund deren man 
für eine Begünstigung des einen oder anderen der beiden 
Kandidaten bestimmte Schlüsse ziehen könnte. Trotzdem 
wird Richard, der bei der Kurie in diesem Sommer sehr gut 
vertreten war 12 , weiter versucht haben, Gunst und Zu¬ 
stimmung des Papstes Zu erringen. Sollte es sich doch noch 
jm Laufe des Jahres zeigen, dass der König nicht allein aus 
Ehrgeiz nach diesem Ziel streben musste, auch seine Stellung 
in Deutschland war gesicherter und fester, seine Legitimität 
erst dann unanfechtbar, wenn die Kurie sich für ihn ent¬ 
schieden hatte. Erst dann konnte er auf Erwerbung der 
Kaiserkrone hoffen, die seine Stellung vollends gefestigt 
haben würde. In seinem Streben ist ihm König Alfons selbst 
zu Hilfe gekommen, indem er es war, der bewirkte, dass 
Richard in der Zeit vom Oktober 1257 bis etwa zum Januar 
1258 sowohl die öffentliche Anerkennung der lombardischen 
Städte, so weit sie der Kurie zugetan waren, wie die ge¬ 
heime des Papstes erlangte. 


10. B. F. 9100. 

11. Vgl. Otto, MIÖG. XIX 79. 

12. Vgl. Bappert 9, Anm. 1. 


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Die lombardischen Städte befanden sich damals in deT 
grössten Zerrissenheit und schieden sich in die Parteien der 
Guelfen und der Ghibellinen, die sich untereinander mit der 
grössten Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit bekämpften. 
Ganz natürlich daher, dass jede Partei sich Anhänger zu 
verschaffen suchte, ganz natürlich also auch, dass sie bald 
ihre Augen auf die beiden deutschen Könige Richard und 
Alfons richteten. Im Herbst des Jahres 1257 nahm Ezzelin 
da Romano, das Haupt der einen Partei, eine bestimmte 
Stellung zu der deutschen Angelegenheit. Er wandte sich 
einerseits an seine geheimen Freunde bei der Kurie, die er 
sich dort durch Bestechung verschafft hatte, andererseits an 
Alfons von Kastilien selbst, indem er sich der Hoffnung 
hingab, diesen zum Kaiser gekrönt zu sehen. Alfons, dem 
es hauptsächlich um Italien zu tun war, und der sich nur 
aus diesem Grunde um die römische Krone beworben hatte, 
musste sich durch die Haltung des Papstes nach der Wahl 
vollständig in seinen Erwartungen getäuscht sehen. Er er¬ 
griff daher die Gelegenheit, die sich hier bot und ging auf 
die Verbindung mit Ezzelin da Romano ein. Durch dessen 
Vermittelung wurde dann auch eine Verbindung zwischen 
Alfons und der Stadt Padua hergestellt. Der Chronist 
Rolandin, der uns von diesen Ereignissen erzählt, will selbst 
die Briefe des Spaniers an Padua gesehen haben, in denen 
er die Bewohner dieser Stadt als seine Cietreuen begrüsst. 
Auch schrieb ihnen Alfons, dass sie ihm Boten entgegen¬ 
schicken sollten, sobald die Nachricht von seiner Ankunft in 
Italien bekannt werden würde. Dieser Brief ist uns noch 
erhalten und stammt aus dem Ende des Jahres 1257 1? . Ob¬ 
wohl in Padua das Gerücht ging, dass das Ganze ein schlauer 


13. Goldast, Constitutioncs III 405 (nicht 305, wie B. F. 5495 
zitiert). Der Herausgeber setzt den Brief, der undatiert ist, erst an 
den Anfang des Jahres 1258. Da aber Alexander IV. sich 
spätestens Januar 1258 für Richard entschieden hatte, so muss 
er noch ans Ende des Jahres 1257 gehören. — Busson S. 74, Anm. 2 
glaubt übrigens, dass Goldast diesen Brief gefälscht habe. 


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Betrug Ezzelins und der Brief von ihm in Verona gefälscht 
sei, 90 Hessen die Väter der Stadt dennoch den Brief in 
vorsichtiger Weise und in gehöriger Form beantworten 14 . 

Hierdurch wurde für Richard zweierlei bewirkt: Die 
Städte, die zur entgegengesetzten Partei gehörten, suchten 
natürlich an ihn Halt; der Papst aber, der sich mit Ezzelin 
da Romano und seinem Anhang in der erbittertsten Feind¬ 
schaft befand, sah sich ebenfalls genötigt, zu Richard über- 
zugehen. 

Was die lombardischen Städte betrifft, so berichtet uns 
Matthäus Paris — die Nachricht ist etwa zum Februar 1258 
anzusetzen —, dass einige Städte Italiens Richard als König 
anerkannt hätten, den Drohungen seineT Feinde, der Fran¬ 
zosen, der Spanier und der Trierer zum Trotz. Und zum 
Juni etwa desselben Jahres berichtet er uns weiter, dass 
sie seine Gegenwart in Italien sehnlichst erwarteten und von 
ihm wünschten, dass er sich dort die Kaiserkrone holen 
möchte 15 . Wie »wir aus einem Briefe des Bischofs Johann von 


14. Rolandini Patavini Chronica, M. G. XIX 127: Ecce quoque 
in hoc anno tempore autumpnali fama fuit per marchiam, quod . . . 
principes Alemanie fuerunt in regis electione discordes . . . Super 
hiis magnis factis et arduis Ecelinus vigilans et intendens, litteras et 
nuncios assidue transmittebat, nunc ad Romanam curiam, in qua latentes 
habebat amicos per peccuniam acquisitos, nunc ad ipsum Castellac 
regem, cuius iam acquisiverat amiciciam, et sperabat ipsum esse im- 
peratorem futurum. Et vidi ego tune temporis litteras huius regis in 
Padua, ipshis sigillatas sigillo, quibus potestatem Padue salutabat et 
ancianos et consilium et populum Universum, ipsosque iam suos appel- 
labat fideles; et in litteris continebatur eisdem, ut essent providi et 
parati, ambaxatores et nuncios honorabiles mittere pro communi 
Paduano, statim cum fama erit, venientem ipsum fines attingere 
Lonbardie, qui eum associare debeant venientem. Et creditium fuit in 
Padua, quod dolose fecerat fabricare Ecelinus illas litteras in Verona. 
Quibus litteris per commune Paduanum curialiter est responsurn. — 
Vgl. auch Busson 74 ff. 

15. Die erste Bemerkung bringt Matthäus Paris zwischen dem 
Februar und März, die zweite zwischen dem Juni und 


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Lübeck aus dem Sommer 1258 wissen, waren dies vorzüglich 
Mailand und diejenigen Städte der Lombardei, die zur Kurie 
hielten 16 . Spätestens im Januar 1258 muss also ihre Aner¬ 
kennung erfolgt sein. 

Der Mönch von St. Alban weiss von einer Begünstigung 
Richards durch den Papst zu dieser Zeit noch nichts. Doch 
hat Alexander spätestens bis zum Januar 1258 eine 
Schwenkung zugunsten Richards vollzogen 17 . Er musste 
sich dem Engländer vor allen Dingen deshalb zuwenden, 
weil sein bisheriger Günstling in Verbindung und im Ein¬ 
verständnis mit seinen Feinden nach Italien zu kommen 
drohte, ein Umstand, der wohl von solcher Bedeutung war, 
dass davor sogar die Rücksicht auf Frankreich und auf dessen 
Interessen in den Hintergrund treten musste. Die Be¬ 
denken aber, die gegen die Vereinigung der deutschen und 
der 6izilischen Krone in der Hand einer Familie anfangs 
bei der Kurie bestanden haben mögen, waren jetzt ge- 
schwunden. Die Art und Weise, wie Richard sein Königtum 
in Deutschland zur Geltung brachte, gab die beste Bürgschaft 
dafür, dass dieser König nie eine italienische Politik im 
Sinne der Staufer betreiben würde. 

Am Ende des Jahres 1257 erhielt auch Richard von dem 
Patriarchen von Aquileja, Gregor von Montelongo, Antwort 
auf die Anzeige von seiner Wahl 18 . Der Patriarch versichert 
ihm, dass er ihm noch treuer und eifriger dienen werden 

Juli des Jahres 1258. Vgl. Matthäus Paris 674: „Rex Alemannia« 
Ricardus prudenter sibi adversantes eJomat, attrahit, et confoederat, 
adeo ut nobiliuni civitatum Ytaliae cives dextras ei dederunt. Et 
siluerunt aemulorum suorum coniminationcs, videlicet Francorum, 
Hispanonnn, Trcvirensium, et aliorum conterminorum, qui ei nocu- 
mentorum laqucos tetenderunt" und Matth. Paris 609: „Multi insuper 
cives civitatum Ytaliae dextras ei dederunt, ipsius adventtun et promo- 
tionem ad imperium sitienter desiderantes.“ 

16. Urkk. der Stadt Lübeck I 233 n. 254. 

17. Wie aus der folgenden Darstellung hervorgeht. 

18. Vgl. oben S. 54. 


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ab er es vordem bei König Wilhelm getan habe, und er 
teilt ihm mit, dass er sich bezüglich der Kaiserkrone bereits 
beim Papste für ihn verwendet habe. Am Ende des Briefes 
beglaubigt er bei Richard seinen vertrauten Freund, den 
Bruder E., wegen wichtiger Angelegenheiten, die einem 
Schreiben nicht anvertraut werden könnten. Es ist nicht 
unmöglich und erscheint mir höchst wahrscheinlich, dass 
bereits dieser Bote den König von dem Umschwung der 
Dinge und von der Schwenkung Alexanders IV. zu benach¬ 
richtigen hatte. 

Bald sollte auch der Gesandte des Papstes selbst ein- 
treffen. Mit Otto und Bappert bin ich der Meinung, dass 
dies kein anderer als der Magister Arlotus gewesen sein 
kann 19 . Bereits am 12. 20 Dezember 1257 wurde dieser von 
Alexander beauftragt, nach England zu reisen und dort die 
sizilischen Angelegenheiten zu brdnen 21 . Seine Abreise erlitt 
aber eine erhebliche Verzögerung. Noch am 26. Dezember 
wurde ihm in Viteibo ein Schreiben für die englischen 
Bischöfe, am 29. Dezember, ebenfalls in Viterbo, ein Mandat 
für den Bischof von Coventry und Uchfield übergeben 82 . Bis 
zum 19. Januar 1258 muss er jedoch seine Reise angetreten 
haben 23 . Arlotus nahm seinen Weg nicht direkt nach Eng¬ 
land, sondern begab sich erst nach Deutschland zu Richard. 
Mit ihm wird er das Osterfest am 24. März zusammen ge¬ 
feiert haben 24 . Was für Nachrichten er dem König vom 


19. Vgl. MIQG. XIX 82 und Bappert, Exkurs II 137. 

20. Bappert schreibt irrig: 14. Dezember. 

21. Rymer I 366. 

22. Rymer I 368. Annal. de Burton 409. — Die Ansicht ßapperts, 
dass sich Arlotus bereits um die Wende des Jahres bei Richard be¬ 
funden habe, ist schon aus diesen Gründen nicht richtig. 

23. An diesem Tage richtet Alexander IV. bereits ein Schreiben 
an ihn. Rymer I 369. 

24. Da Arlotus vor April nicht in England eingetroffen ist, so 
kann man wohl annehmen, dass er diesen hohen kirchlichen Festtag 
in Gemeinschaft mit dem deutschen König gefeiert hat. 


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Papste zu überbringen hatte, ist uns nicht aus unmittelbarer 
Quelle bekannt. Nach dem Briefe Johanns von Lübeck zu 
schliessen, muss er ihn nicht nur von der veränderten 
Stellung Alexanders haben in Kenntnis setzen sollen; sein 
Auftrag muss bereits dahin gegangen sein, dem König mit- 
zuteilen, dass ihn der Papst vor allen begünstige, und dass 
er ihn bezüglich der Kaiserwürde jedem anderen vorziehe* 5 . 
Bei seiner Weiterreise nach England traf Arlotus in Kaisers¬ 
werth mit dem Lübecker Bischof zusammen und erzählte ihm 
von den Erfolgen Richards in Italien und von der Gunst der 
Kurie. Erst im April, gelangte der Gesandte Alexanders IV. 
endlich an seinen Bestimmungsort 86 . 

Richard aber scheint nun an die Verwirklichung seiner 
Wünsche gedacht und ganz ernstlich einen Römerzug ins 
Auge gefasst zu haben. Zwar fehlte ihm dazu noch die 
offizielle Berufung des Papstes, doch wird er gehofft haben, 
sie in Bälde zu erlangen. Wohl um die Berufung möglichst 
zu beschleunigen, wandte er sich wieder an den Patriarchen 
von Aquileja. Zwei undatierte Briefe, die nach meiner An¬ 
sicht in diese Zeit zu setzen sind, geben Zeugnis davon. 
Aus dem ersten 27 , der von Gregor an Richard geschrieben 

25. Quod scdcs apostolica eundem dominum Ricardum Romano¬ 
rum regem inter ceteros orbis principes sincere caritatis brachijs et 
intime dilectionis complectitur, ipsum fide preclarum, deuotionc 
sincerum, generosum sanguine et precelsum ecclesie Romane filium 
reputans, ac eum quoad assecutionem Imperialis honoris preferens 
vniuersis. 

26. Ausser Matth. Paris 673, der Arlotus vor Ostern ankommen 
lässt und dem sich Bappert angeschlossen hat, berichten die englischen 
Chronisten, dass Arlotus erst nach Ostern in England eingetroffen 
sei. Vgl. Matth. Westmonaster. M. O. XXVIII 476, Annal, de 
Dunstapl. 208, Flores Historiar. II 417. Nach den Annal. de Theoks- 
beria 162 wäre er sogar erst zum Fest des heiligen Qeorg, am 
23. April, in England angekommen. 

27. Winkelmann I 586 n. 742. — B. F. 11826 hat den Brief 
erst Anfang 1259 eingereicht, während Winkelmann ihn mit 1258 


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ist, geht hervor, dass der König in einem früheren, uns nicht 
erhaltenen Briefe dem Patriarchen Glückwünsche und 
Lobeserhebungen ausgesprochen hat; diese können sich nur 
auf Gregors Verwendung für Richard beim Papst und auf 
deren schnellen Erfolg bezogen haben. Ferner wurde der 
Patriarch vom König beauftragt, in Gemeinschaft mit Richards 
Anhängern in Italien einen Boten wegen Berufung des Königs 
an den Papst zu senden. Für den Fall des Erfolges scheint 
Richard auch bereits seine baldige Ankunft in Italien in Aus¬ 
sicht gestellt zu haben. In dem Antwortschreiben hierauf 
bedankt sich nun Oregor für das ihm gespendete Lob, für 
das ihm geschenkte Vertrauen und versichert dem König, 
dass er in Italien mit allen Kräften für die Förderung seiner 
Interessen tätig sei, und dass alle Gerechten dort sehnlichst 
auf seine Ankunft warteten. Seinem Wunsche sei er nach¬ 
gekommen und habe mit vielen Edlen, Prälaten und Städten 
einen Boten an den Papst gesandt. Der zweite Brief 28 , 
ebenfalls von Gregor geschrieben, ist direkt an den Papst 
gerichtet. Der Patriarch gibt hier seiner Freude darüber 
Ausdruck, dass Alexander den König Richard, wie allgemein 
verlautet habe, zum Kaisertum berufen wolle, da wegen Er- 


datiert, aber eine genauere Zeitangabe für dieses Jahr selbst nicht 
hat — Der Inhalt des Briefes stimmt zum Teil mit der Notiz überein, 
die Matth. Paris am Anfang des Jahres 1258 über die oberitalienischen 
Städte gebracht hat. Vgl. oben S. 57. 

28. Winkelmann I 587 n. 713. — B. F. 11827 reiht den Brief 
erst zu 1259, Winkelmann setzt ihn ebenfalls schon ins Jahr 1258. 
Otto, MfCG. XIX 86 will ihn sogar erst nach dem 30. April 1259 ge¬ 
schrieben wissen, wo sich Alexander bereits öffentlich für Richard 
entschieden hatte, und wo die offizielle Berufung ebenfalls, aller¬ 
dings insgeheim, schon erfolgt war. Sollte Gregor davon nichts 
gewusst haben? Nach meiner Ansicht ist der Brief zu einer Zeit 
geschrieben worden, wo bestimmte Schritte des Papstes noch fehlten, 
wo dieser aber doch schon eine derartige Haltung Richard gegenüber 
eingenommen hatte, dass das Gerücht wohl aufkommen konnte, er 
begünstige ihn. 


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mangelung eines Kaisers Italien durch innere Streitigkeiten 
gänzlich zerrüttet sei und die Schlüssel des heiligen Petrus 
und der Kirchen gemissachtet würden. Er bittet und be¬ 
schwört daher den Papst aufs dringendste, doch ja diese 
Gerüchte wahr zu machen. 

Inzwischen versäumte es Richard nicht, seine Vor¬ 
bereitungen zu dem beabsichtigten Römerzuge zu treffen. 
Am 14. April 1258 versprach er seinem Verwandten Thomas 
von Savoyen in Aachen, dass er ihm hundert Ritter auf vierzig 
Tage zum Kriege gegen die Bürger von Turin überlassen 
und ihm vierhundert Pfund Sterling Subsidien zahlen würde, 
falls die Turiner dem Grafen sein Recht nicht zukommen 
lassen wollten 29 . Sicher hat ihm Richard solche weitgehenden 
Versprechungen nicht ohne einen bestimmten Grund und vor 
allem nicht ohne eine Gegenleistung zugestanden; diese 
sind vielmehr ohne Zweifel als das Ergebnis von Verhand¬ 
lungen anzusehen, die zwischen den beiden über den Zug 
nach Italien gepflogen worden waren. Für Richard konnte 
der Weg dahin nur über die burgundischen Pässe führen, 
Thomas von Savoyen vermochte ihm da sicher grosse Dienste 
zu leisten. 

Doch war zu einem Römerzuge auch Geld nötig, und um 
dies zu bekommen, wandte sich der König natürlich wieder 
an seinen Bruder in England. Zwei Schriftstücke Hein¬ 
richs III. aus dem Jahre 1258 legen uns dafür Zeugnis ab 30 . 

29. Winkelmann I 452 n. 562. 

30. Rymer I 377. Rymcr bringt diese Briefe erst zwischen 
den Monaten August und Oktober; doch wird Richard kaum mitten 
im Sommer Geld zum Römerzuge haben sammeln lassen, da er 
danach diesen im Herbst oder Winter zu unternehmen beabsichtigt 
hätte. Wohl aber konnte er entweder am Anfang des Jahres, um 
den Zug im Sommer auszuführen, oder am Ende des Jahres, um ihn im 
nächsten Frühling zu unternehmen, Heinrich darum angehen. Da 
Winter und Herbst des Jahres 1258 für die Datierung der Briefe ausser 
Betracht kommen — die Briefe sind im 42. Jahre der Regierung 
Heinrichs ausgestellt — so bleibt nur noch der Anfang des Jahres 


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In dem ersten gibt der englische König bekannt, dass sein 
Bruder beabsichtige, nächstens zur Kurie aufzubrechen 
„wegen wichtiger und dringender Angelegenheiten, die er zu 
unserer, seiner und unseres Reiches Ehre und Wohlfahrt 
auf sich genommen hat, die aber ohne grosse Ausgaben 
nicht ausgeführt werden können.“ Er gestehe ihm daher 
zu, neue Steuern zu erheben. Der zweite Brief spricht eben¬ 
falls von einem „baldigst bevorstehenden Zuge nach Rötn“ 
und fordert die englische Nation auf, Richard <labei kräftig 
zu unterstützen. 

Die offizielle Berufung des Papstes, deren Richard an¬ 
scheinend so sicher war, erfolgte jedoch nicht, weder in 
den nächsten Monaten noch überhaupt in diesem Jahre. 
Der Grund dafür ist wohl wieder in spanischen Massnahmen 
zu suchen. Wir sahen bereits, dass Alexander aus seiner 
abwartenden Stellung am Ende des Jahres 1257 nur durch 
das Vorgehen des Kastiliers herausgetrieben wurde. Alfons 
hatte nicht nur mit den Feinden der Kurie Verbindungen an- 
geknüpft, er hatte sogar seine baldige Ankunft in der lom¬ 
bardischen Ebene in Aussicht gestellt Schon war sein Heer 
durch Truppen der Könige von Aragonien und Navarra ver¬ 
stärkt worden, da wurde er an seinem Plan durch die 
spanischen Sarazenen verhindert, die sich der Stadt Cordova 
zu bemächtigen suchten. Gegen sie musste er sich nun 
wenden, den Zug nach Ober-Italien musste er aber jauf- 
geben 31 . Sobald dies dem Papst zu Ohren gekommen war, 
scheint er in seine frühere passive Stellung den beiden 
Königen gegenüber zurückgekehrt sein, die er nun noch fas* 

1258 übrig. Auch nach den Ausführungen Bapperts 29 sind die Briefe 
vor dem Sommer des Jahres 1258 anzusetzen. 

31. Matth. Paris 694: Rex autem Hispaniae magis inde provo- 
catus, additis sibi regum Arragonum et Navariae viribus, versus 
partes Ytaiiae dum lora dirigeret, Sarraceni Hispaniae Cordubain 
occupare conabantur. Quo audito, rex regrediens impetum eorurr- 
refraenabat. Der Mönch berichtet dies etwa im Mai des Jahres 125S. 


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ein ganzes Jahr hindurch innehielt. Richard aber war ge¬ 
zwungen seine Vorbereitungen zum Römerzug abzubrechen 
und diesen selbst aufzugeben. Obwohl ihm der Kardinal 
Johann von Toledo riet, sich trotzdem eiligst in Rom ein¬ 
zustellen und nicht erst die offizielle Berufung abzuwarten, 
weil sonst möglicherweise die Hoffnung auf die Kaiserkrone 
ganz und gar entschwinden würde 32 , war Richard doch viel 
zu vorsichtig und bedachtsam, als dass er sich aufs Gerate¬ 
wohl auf einen derartigen Vorschlag eingelassen hätte. Er 
gab es eben für dieses Jahr auf, die Kaiserkrone zu ge¬ 
winnen, und suchte sich weiter durch Gesandte und Boten die 
geheime Gunst des Papstes wenigstens zu «halten 33 . Vor 
allem betrieb er jetzt den Frieden mit Frankreich aufs 
eifrigste, um auch diesen Bundesgenossen des Spaniers, 
den bedeutendsten und gefährlichsten von allen, auf seine 
Seite zu ziehen. Erst als er auch Ludwig IX. endgültig für 
sich gewonnen hatte, im Februar 1259, d. h. als der Friede 
zwischen Frankreich und England geschlossen war, gab 
auch der Papst seine Zurückhaltung auf und stellte sich im 
März 1259 offen auf die Seite des englischen Grafen 34 . 


VII. 

Zur Geschichte des Bischofs Johann von Lübeck. 

Neben vielen anderen bedeutenden geistlichen Fürsten 
hat auch der Bischof von Lübeck, Johann von Diest, zu 


32. Winkelmann I 588 n. 744. Der Brief ist meiner Ansicht nach 
nicht erst an den Anfang des Jahres 1259 zu setzen, wo er dann nur 
um ein bis zwei Monate von der Berufung Richards durch Alexander 
getrennt wäre, sondern er gehört wohl einer früheren Zeit an, einer 
Zeit, wo die Hoffnungen des Königs, berufen zu werden, zum ersten 
Mal gescheitert waren. Ich möchte ihn daher in den Sommer 1258 
verlegen. 

33. Vgl. Bappert 28 ff. und 38 ff., Otto, MIÖG. XIX 84 ff. 

34. Vgl. unten S. 78 ff. 


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König Richard in freundschaftlichen Beziehungen gestanden; 
doch sind die Nachrichten darüber sehr spärlich und dürftig, 
und wir haben bisher kaum ein rechtes und genügendes Bild 
von der Stellung Johanns zu Richard erhalten. Es soll hier 
versucht werden, bei genauer Prüfung des gesamten Quellen« 
und Urkundenmaterials, das Verhältnis der beiden nach 
Möglichkeit zu bestimmen und festzulegen. 

Nach der Angabe der Acta Quorundam Episeoporum 
Lubicensium soll Johann bereits im Jahre 1257 von Richard 
berufen worden jund auch zu ihm aufgebrochen sein 1 . Jedoch 
im Juli sowohl wie im November 1257, wie auch im März 
1258 können wir des Bischofs Anwesenheit in Lübeck ur¬ 
kundlich Nachweisen 2 ; also wird man diese Nachricht der 
Acta nicht in das Jahr 1257 zu setzen haben, sondern man 
wird sie, wie auch die dort folgenden Angaben über Johann, 
auf das Jahr 1258 bezw. 1259 verlegen müssen. Es geht 
jedenfalls aus dem vorliegenden Urkundenmaterial hervor, 
dass Johann von Diest vor dem 4. März 1258 seine Reise 
nach dem Rhein und zu dem deutschen König nicht hat 
atitreten können. 

ln diesem Falle muss die Annahme Bapperts, Exkurs II, 
der Brief Johanns an die Bürger von Lübeck sei schon um die 
Wende des Jahres 1257 geschrieben worden, irrig sein; eben- 


I. M. G. SS. XXV 490: Interea episcopus Lubicensis a rege 
Romanorum vocatus recessit. 

2. Am 29. Juli 1257 und am 4. März 1258 urkundet er zu 
Lübeck. Urkk. des Bistums Lübeck I 121 n. 131 und 126 n. 36. 
In der Zwischenzeit kann die Reise ebenfalls kaum unternommen 
worden sein, da Johann sich am 12. November 1257 ebenfalls in 
Lübeck befunden haben muss. Urkk. der Stadt Lübeck I 224 n. 241. 
Auch ist wohl die Urkunde der Grafen Gerhard und Johannes von 
Holstein und Schaumburg vom 26. November 1257, die einen Still¬ 
stand aller Streitigkeiten zwischen dem Bischof und den beiden Grafen 
bis zum Tage nach Epiphanias ansetzt, ein Beweis für die Anwesen¬ 
heit des Bischofs im Norden Deutschlands. Urkk. des Bistums 
Lübeck I 124 n. 134. 


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faHs muss es als irrig bezeichnet werden, wenn Bappert 
glaubt, der Bischof habe sich schon vom Ende des Jahres 
1257 an bei Richard aufgehalten. Selbst wenn die Jahres¬ 
zahl der Urkunde vom 4. März „verschrieben“ wäre 3 , was 
mir höchst unwahrscheinlich erscheint, so wird der Bischof 
kaum noch im November 1257, also nahezu bei Beginn des 
Winters, die Reise nach dem Rhein angetreten haben, da 
er sich ja damals, wie aus seinem Brief hervorgeht 4 , in kränk¬ 
lichem Zustande befand und der Heilung und Erholung be¬ 
dürftig war. Vielmehr hat er bis zum Frühling 1258 gewartet 
und sich dann im März, wie wir hoch sehen werden, auf den 
Weg gemacht. 

Diese Reise scheint einen doppelten Zweck gehabt zu 
haben. Einmal wollte Johann sein Heimatland Brabant auf¬ 
suchen, um dort Heilung und Genesung zu finden. Dies 
sagt er uns selbst in seinem Brief an die Lübecker. Doch 
unterliegt es wohl keinem Zweifel, dass vor allem politische 
Gründe hierbei eine Rolle gespielt haben. Ueber diese 
politischen Beziehungen Johanns zu Richard haben wir aller¬ 
dings so gut wie gar keine Nachrichten. Es wird sich aber 
mit ihnen ähnlich verhalten, wie mit denen des Ratzeburger 
Bischofs, die wir daher zum besseren Verständnis und zur 
Erklärung heranziehen müssen. 

Der Bischof von Ratzeburg erkannte den König vor dem 
Juni 1258 an. In einem Briefe 5 vom 1. Juni des Jahres be¬ 
dankt sich Richard dafür bei ihm, verleiht ihm die Gerichtsbar¬ 
keit und die Reichslehen, wünscht aber, dass er so bald 
wie möglich zu ihm kommen soll, um ihm das Homagium 
zu leisten und um die Belehnung zu empfangen. Er ver¬ 
sichert ihm, dass er eine Entfremdung des Ratzeburgers als 


3. Bappert, Exkurs II nimmt dies an und will die Urkunde erst 
in das Jahr 1259 gesetzt haben. Vgl. dagegen die Anmerkungen des 
Herausgebers des Urkundenbuches 126 und 92. 

4. Urkk. der Stadt Lübeck I 233 n. 254. 

5. Mecklenburg. Urkk. II 122 n. 824. 


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eines Fürsten und Bischofs vom Reich nicht dulden würde. 
Während also Richards Vorgänger, Wilhelm von Holland, 
das Streben der überelbischen Bistümer, aus dem Territorial¬ 
besitz in den Reichsbesitz überzugehen, nicht begünstigt 
und sie ausdrücklich dem Herzog von Sachsen zugesprochen 
hatte 6 , stellte sich Richard auf die Seite der Bistümer. Aus 
diesem Grunde allein wird sich auch der Ratzeburger an 
den König gewandt haben und um die Belehnung bei ihm 
eingekommen sein. 

Aus demselben Grunde wird auch Johann von Diest 
an den König appelliert, Richard seinerseits aber auch von 
ihm das Homagium verlangt haben. Dies und nichts anderes 
wird man unter der „Berufung“ zu verstehen haben, von 
der die Akta sprechen. 

Ausserdem ist vielleicht auch noch das feindselige Ver¬ 
hältnis des Bischofs von Lübeck zu den Grafen von Holstein 
als ein Grund für die Reise Johanns von Diest anzusehen. 
Graf Johann von Holstein hatte sich bereits um Richards 
Gunst bemüht, im Mai 1257 hatte er sich in Aachen ein¬ 
gefunden und den Krönungsfeierlichkeiten mit beigewohnt 7 . 
Auch aus diesem Grunde wird es Johann von Diest für gut 
befunden haben, nach Süddeutschland aufzubrechen. 

Auf dem Wege nun nach Brabant, in Westfalen zu 
Kaiserswerth, traf Johann den Magister Arlotus, einen 
„Legaten“ Alexanders IV., wie ihn der Bischof nennt. Die 
Begegnung mit diesem muss Ende März oder Anfang April 
stattgefunden haben, da Arlotus spätestens in dem letzt¬ 
genannten Monat in England eintraf 8 . Von ihm erfuhr der 


6. B. F. 5106. 

7. Vgl. die Zeugen in der Urkunde für Aachen vom 22. Mai 
1257. Laoomblet II 238 n. 438. Auch in Köln finden wir ihn noch 
bei Richard als Zeugen in der Urkunde für diese Stadt vom 27. Mai 
1257 angeführt. Ennen-Eckertz II 369 n. 372. — VgL auch hierzu 
das Urkk. des Bistums Lübeck 1 318, Anm. ? 

8. Vgl. oben S. 00. 


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Lübecker, dass er mit sehr günstigen und freundlichen 
Briefen vom Papst entsendet sei, um König Richard auf¬ 
zusuchen, und dass Alexander IV. diesen König bezüglich 
der Kaiserwürde jedem anderen vorziehe. Nachdem der 
Bischof hiervon gehört hatte, und nachdem auch noch manche 
andere Nachricht von Richards Erfolgen zu ihm gedrungen 
war, entschloss er sich, den König sofort aufzusuchen, der 
sich damals in oder in der Nähe von Aachen befand 9 , und ihm 
zu huldigen und Treue zu schwören 10 . Sobald er dies getan, 
wird Johann seine Reise nach Brabant fortgesetzt und etwa 
den Monat Mai, vielleicht auch noch Juni, dort verbracht 
haben. 

Vielleicht ist er dorthin mit einem Aufträge Richards 
versehen worden. Der Herzog Heinrich von Brabant, der 
in diesem Jahre in seiner Stellung zu Alfons schwankend 
wurde 11 , mag durch Johann darin beeinflusst worden sein. 
Es fehlen uns jedoch weitere Nachrichten darüber. Von 
Brabant kehrte der Lübecker zu Richard zurück und stellte 
sich jetzt ganz in den Dienst und zur Verfügung des Königs. 
Gleich in den ersten Tagen seines zweiten Aufenthaltes 
bei Richard wird er den Brief 12 an die Bürger von Lübeck 
geschrieben haben, in dem er diese für den König zu ge¬ 
winnen sucht. Er betont unter anderem darin, dass Richard 
vom Papst begünstigt werde, dass ihm alle Grossen und 
alle Städte in der Wetterau, im Eisass, in Schwaben und 
Burgund, kurz alle am Rhein, von Bern bis zum Meere ge¬ 
huldigt und ihn als König anerkannt hätten; nur Worms und 
Speier hätten es noch nicht getan, wären aber gerade jetzt 
im Begriff, sich tnit ihm zu vertragen. Nicht nur in Deutsch¬ 
land, auch schon in Italien habe er Anhang gewonnen, 


9. Richard ist vom 14. bis zum 20. April 1258 in Aachen nach¬ 
weisbar. B. F. 5341—5343. 

10. Vgl. den Brief Johanns an die Lübecker. 

11. Vgl. oben S. 43, Anm. 25 und unten S. 80. 

12. Urkk. der Stadt Lübeck I 233 n. 254. 


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Mailand und alle Städte der Lombardei, die der römischen 
Kurie zugetan seien, gehorchten ihm ebenfalls. Er, Johann 
von Diest, könne daher den Bürgern der Stadt Lübeck nur 
raten, dies ebenfalls zu tun und Richard ohne Zögerung 
als König anzuerkennen. Den Dominikanerbruder Bartholo¬ 
mäus sollten sie gut aufnehmen und die Wünsche des Königs 
erfüllen, die dieser überbringe. Vor allem sollten sie sich 
nicht durch den entfernten Alfons irre machen lassen, da 
Richard der rechte König sei. 

Aus dem Inhalt des Briefes geht hervor, dass er nur in 
der Zeit vom Aufenthalt Johanns am Rhein bis zum Tage? 
der Ergebung von Worms geschrieben sein kann, also vom 
April etwa bis zum 25. Juli 1258. In diese Zeit hat ihn auch 
schon Böhmer-Ficker eingereiht 13 . Da nun aber der Bischof 
ausdrücklich von Worms und Speier erzählt, sie seien bereits 
mit Richard „in tractatu componendi“, so kann der Brief 
noch genauer datiert werden. Zu Verhandlungen dürften 
sich die beiden Städte erst nach dem 16. Juni 1258 bereit 
gezeigt haben, denn noch an diesem Tage hat Richard an 
einen Kriegszug gegen Worms gedacht 14 . Mithin wird der 
Brief in der Zeit vom 16. Juni bis zum 25. Juli 1258 ge¬ 
schrieben worden sein. 

Ferner ersehen wir aus dem Brief mit Bestimmtheit, dass 
die Stadt Lübeck Richard bis zu diesem Augenblick noch! 
nicht gehuldigt hatte, und dass sich Johann bemühte, sie für 
den König zu gewinnen. Ob diese Bemühungen von Erfolg 
begleitet waren, können wir jedoch nicht feststellen 15 . 

13. B. F. 5349. 

14. B. F. 5347. 

15. Bappert 22 ff. weiss nicht nur, dass Lübeck „auf Ver¬ 
anlassung“ Johanns Richard als König gehuldigt hat, sondern auch, 
dass der letztere die Verleihung Lübecks an den Markgrafen von 
Brandenburg, die durch König Wilhelm geschehen war, für ungültig 
erklärt und den Bürgern die Freiheit bestätigt hat. Die Quellen dafür 
gibt er nicht an; die von ihm zitierten Nummern bei B. F. beziehen 
sich nicht auf Richards Verhältnis zu Lübeck. 


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Neben diesen Bemühungen sind vor allem die Versuche 
des Bischofs, den Trierer Erzbischof Arnold von Isenburg 
für Richard zu gewinnen, hervorzuheben. Arnold hatte den 
König bis jetzt noch nicht anerkannt. Am 10. August hatte 
nun Johann in Koblenz eine Zusammenkunft mit ihm, die 
nur in Angelegenheiten Richards herbeigeführt worden sein 
kann 16 . Es scheint, dass man es bei diesen Verhandlungen 
mit dem alten Mittel versucht hat, mit Geld, und dass Richard 
dem Erzbischof 12000 Mark für die Anerkennung seines 
Königtums bieten liess. Wir wissen auch, dass Arnold |jn 
diesem Jahre wirklich eine Zeit lang schwankend geworden 
war. Ob aber der Erfolg Johanns bei diesen Verhandlungen 
ein durchschlagender gewesen ist, ist uns unbekannt ge¬ 
blieben 17 . 

Am Ende des Jahres 1258, jedoch nicht vor dem 6. Ok¬ 
tober, kehrte der Bischof wieder nach Lübeck zurück 18 . Die 
Belehnung mit dem Bistum Lübeck und die Bestätigung seiner 
Unabhängigkeit vom Herzog von Sachsen wird er von 
Richard längst erhalten haben. Eine Nachricht darüber liegt 
uns jedoch nicht vor. Bei der Rückkehr mag er sich dann 
mit den Grafen von Holstein vertragen haben, wobei Bischof 
Simon von Paderborn, ebenfalls ein Parteigänger Richards, 
den Vermittler spielte 19 .' Dieser befand sich im Oktober 

16. Am 1. August 1258 erteilte Johann von Lübeck zu Koblenz 
dem dortigen Marienkloster ein Sammel- und Ablassprivilegium, und 
zwar ausdrücklich „de consensu venerabilis patris domini Amoldi dei 
gratia Treverensis archiepiscopi.“ Beyer III 1055 n. 1458. 

17. Vgl. oben S. 43 ff. 

18. Vgl. die Akta, M. O. XXV 400: Anno revoluto reversus est 
idem episcopus. — Am 6. Oktober ist Johann noch als Zeuge in der 
Urkunde für Speier angeführt. 

10. Vgl. die Akta: Iterum post annum (gemeint sein muss hier die 
letzte Reise vom Jahre 1250) idem episcopus rediit ad regem Roma¬ 
norum, habita magna comitum Holsatie amicicia, mediante Symone 
episcopo de Paderbome. 


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bei den beiden Grafen 20 . Bis zum April 1259 hat sich 
Johann dann wieder in seinem Bistum befunden 21 . Noch 
in demselben Jahre aber zog Johann, wie die Akta sagen, 
nochmals zu Richard. Man muss also zu Lübeck noch nichts 
von Richards Aufbruch nach England gewusst haben — 
vielleicht auch wollte Johann wieder in seiner Heimat 
Brabant Genesung und Heilung suchen. Am Rhein ereilte 
ihn jedoch der Tod; er starb am 21. September zu Esseq 
und wurde zu Neuss begraben 22 . Die Wahl des neuen 
Bischöfe Johann von Tralow wurde bereits am Freitag, den 
24. Oktober, also nach einer Vakanz von zweiunddreissig 
Tagen, vom Domkapitel zu Lübeck vollzogen 23 . Mithin muss 
die Ansicht Böhmer-Fickers, dass Johann erst 1260 ge¬ 
storben sein kann, der sich auch Bappert Exkurs II ange¬ 
schlossen hat, durchaus abgelehnt und als irrig bezeichnet 
werden. 

20. Hamb. Urkk. I 520 n. 632. 

21. Urkk. des Bistums Lübeck I 128 n. 139 und 129 n. 140. 

22. Die Nachrichten der Akta: „Tune cum esset apud Renum idem 
pater Johannes episcopus, obiit in Esseda et scpultus est in Nusia 
pontificatus sui anno 6.“ und die Bemerkung des Liber memoriarum 
eccl. Lubic. M. G. XXV 490, Anm. 6: „XI. Kalendas Octobris. Obiit 
dominus Jo. de Deest episcopus huius eedesie de ordine Minorum. 
Non hic sepultus“ ergänzen sich hier gegenseitig aufs beste. 

23. Am 25. Oktober 1259 berichtet das Domkapitel zu Lübeck 
dem Erzbischof Mildebold von Bremen von der Wahl des neuen 
Bischofs Johann von Tralow: „Ecclesia nostra pastoris solatio destituta 
per mortem venerabilis patris. fratris Johannis quondam episcopi 
nostri. indiximus termin-um convenientcm ad celebrandam electionem 
futuri pontificis. uidelicet VI. feriam post festuni Luce preteritum.“ 
Urkk. des Bistums Lübecks I 132 n. 143. Hiermit stimmt auch die 
Bemerkung in den Akta überein: „Vacabat sedes 32 diebus. Electus 
est per scrutinium scolasticus Lubicensis Johannes de Tralov.“ 


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VIII. 

Die Politik Richards und ihre Resultate in seinen ersten 
beiden Regierungsjahren. 

Die erste Regierungsperiode Richards, die Zeit von 
1257—1259, teilt sich in diplomatischer wie in strategischer 
Hinsicht in zwei Abschnitte. Der erste reicht ungefähr bis 
zum 22. Oktober 1257; es ist die Zeit, die durch ein starkes 
aktives Vorgehen des Engländers gekennzeichnet wird, im 
Vertrauen auf seine Kraft und seine Mittel treibt Richard 
eine Politik, die im wesentlichen unabhängig bleibt von 
der Politik fremder Mächte. Der zweite Abschnitt, vom 
22. Oktober bis zur Rückkehr nach England, ist demgegen¬ 
über arm an jeder kräftigen und energischen Betätigung und 
nur von Unterhandlungen erfüllt. Die Politik des Königs 
steht hier ganz unter dem Zeichen der französisch-englischen 
Beziehungen, ln der ersten aber wie in der zweiten Periode 
ist der Stern Richards im Aufsteigen, sein Einfluss jm 
Wachsen begriffen. Die Erfolge der ersten Monate sind in 
der folgenden Zeit nicht wieder eingebüsst worden, neue 
sind zu ihnen hinzugekommen 1 . 

Der Grundzug der königlichen Politik ist für die erste 
Periode mit ein paar kurzen Worten charakterisiert. Richard 
ging darauf aus, durch persönliches Erscheinen in Deutsch¬ 
land und durch selbsttätiges Eingreifen in die dortigen Ver¬ 
hältnisse vor allem im niederrheinischen, und dann auch 
im mittelrheinischen Gebiete festen Fuss zu fassen und sich 
Anhänger und Freunde zu erwerben. Einen Rückhalt suchte 
er hierbei vornehmlich an den Städten des Rheins, von denen 
Köln und Aachen schon durch ihre Handelsbeziehungen mit 
England ein gewisses Interesse daran hatten, sein Aufkommen 

1. Die folgende Zusammenfassung beruht auf den Regesten von 
Böhmer-Ficker, auf der Arbeit von Bappcrt und auf meinen eigenen 
bisherigen Ausführungen. 


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zu begünstigen. Wenn man von dem einen Falle absieht, 
in dem vielleicht Richards Stellung zum Trierer Erzbischof mit 
durch die auswärtigen Verhältnisse bestimmt wurde, so hat 
der König sich in dieser Zeit weder durch England, noch 
durch Frankreich, noch durch die Kurie in seinem Vorgehen 
und Handeln beeinflussen lassen, sondern er ist selbständig 
seine eigenen Wege gegangen. 

Mit den Erfolgen dieser Politik konnte Richard wohl 
zufrieden sein. Schon zu Beginn des Jahres war sein An¬ 
hang in Deutschland nicht gering gewesen. Durch sein Er¬ 
scheinen in diesem Lande selbst wurde die Zahl seiner An¬ 
hänger um ein ganz Bedeutendes gemehrt, besonders im Mai 
bei Gelegenheit seines Aufenthaltes in Aachen und Köln. 
Dort haben ihm die Bischöfe und Herren des Niederrheins 
die Huldigung geleistet. Von ebenso grosser Bedeutung 
sind für den König auch die nächsten Monate gewesen, in 
denen es ihm gelang, den rheinischen Städtebund zu sprengen 
und die bedeutendsten Städte dieses Bundes auf seine Seite 
zu ziehen. Aachen, Köln, Neuss 2 und Nymwegen erkennen 
ihn schon im Mai an, auf seinem Zuge bis Mainz haben ihm 
Bonn, Andernach, Oberwesel, Boppard und Bingen ge¬ 
huldigt. Den Haupterfolg ohne Zweifel errang der König 
jedoch im September des Jahres; die Städte der Wetterau 
öffnen ihm die Tore, einzelne Städte am Oberrhein, sogar 
das ferne Nürnberg verabsäumen nicht, zum Mainzer Hoftag 
ihre Vertreter zu schicken. Bis zum 22. Oktober haben ihm 
auch Städte in Schwaben und Ober-Burgund die Huldigung 
geleistet 3 und sein Königtum anerkannt, so dass der Bischof 
Johann von Lübeck in der Tat und mit Recht in seinem 

2. Am Anfang der Urkunde Richards für Köln darf die Be¬ 
merkung nicht übersehen werden, dass die Zollprivilegien dieser 
Stadt auch für Neuss Gültigkeit haben sollen. Es geht daraus hervor, 
dass Richard sich auch bereits der Ergebenheit dieser Stadt damals 
versichert hatte. Vgl. Tücking, Das Römerkastc;i Noväsium, der 
fränkische Saalhof und die Stadt Neuss 23. Neusser Programm 1891. 


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Briefe an die Lübecker sagen kann, Richards Macht und 
Richards Einfluss reiche „a Bema usque ad mare.“ 

Allerdings, das darf man nicht vergesse war ja die 
Anerkennung aller dieser Städte nicht gleichbedeutend mit 
Unterwerfung; sie war nur nominell, wirkliche Macht und 
wirklichen Einfluss wird Richard schwerlich über sie be- 
kommen haben. Schon die Privilegien, die die Städte des 
Niederrheins erhielten, zeigen, wie wenig Machtvollkommen* 
heiten ihm geblieben sind. Doch hat er aber bei diesen, 
Städten die Privilegien mehr beschränkt als erweitert und 
sich z. B. in Köln die Gerichtsbarkeit, die König Wilhelm 
weggegeben hatte, ausdrücklich Vorbehalten. ln weh 
stärkerem Masse zeigte sich nun erst die Schwäche dieses 
Königtums, als Richard den Niederrhein verlassen hatte und 
seine Politik, nur alte Privilegien zu bestätigen und neue 
nicht zu erteilen, aufgeben musste. Besonders auf dem Hof¬ 
tage vom 8. September zeigten ihm die Städte ganz offen 
und unverhohlen, dass sie ihn nicht für voll anerkannten, 
und dass sie ihn ganz anders einschätzten, als ihre früheren 
deutschen Könige. Wie fest hatten noch viele von diesen 
Städten bis vor drei Jahren zu den Hohenstaufen gehalten, 
dem Papst und allen seinen Drohungen zum Trotz 4 ! Und 


3. In dem Briefe an den Bischof von Linkoln vom 22. Oktober 
1257 (N. A. XIII 220) ist die Bemerkung Richards wichtig, dass die 
Edlen und Grossen des Elsasses, Schwabens, Frankens, Sachsens und 
Oberburgunds ihm gehuldigt hätten. Wenn man die Worte „die 
Edlen und Grossen“ einschränkt auf „einzelne“ oder „viele von den 
Edlen und Grossen“, wird man diesen Angaben Glauben schenken 
und sic gelten lassen können. Die urkundlichen Nachrichten für 
Herren Schwabens und Burgunds sind allerdings nicht auf uns 
gekommen, doch spricht auch Johann von Lübeck in seinem Brief 
davon, dass nicht nur Herren, sondern auch Städte Schwabens und 
Burgunds Richard als König anerkannt hätten. (Vgl. oben S. 68.) Auch 
ergeben sich als ein weiterer Anhaltspunkt für die Richtigkeit dieser 
Berichte, soweit sie wenigstens Burgund angehen, die verwandtschaft¬ 
lichen Beziehungen, die Richard mit Thomas von Savoyen verknüpften. 


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jetzt? Nun erkannten sie Richard überhaupt nur unter der 
Bedingung an, dass auch der Papst seine Genehmigung 
dazu erteilen würde, anderenfalls sollte ihre Huldigung keine 
Geltung haben. Deutlicher konnte man wohl dem Eng¬ 
länder kaum sagen, dass man ihn überhaupt für keinen 
rechten König hielt 5 ! 

Dennoch muss man zuguterletzt wieder bedenken, dass 
auch schon die blosse nominelle Anerkennung zur damaligen 
Zeit hoch anzuschlagen war. War sie doch von grosser 
Wichtigkeit gerade für einen neu gewählten König; Richard 
war dadurch Wenigstens nicht gleich zu Beginn seiner Regie¬ 
rung wie einst Wilhelm zu einem Kampfe gezwungen, der 
seine Kräfte mitgenommen hätte, dessen Ausgang aber immer 
fraglich geblieben wäre 6 . 

Halten wir jedoch, um ein richtiges Bild von Richards 
bisherigen Erfolgen und seiner augenblicklichen Lage zu 
gewinnen, kurz leinmal die Erfolge dagegen, die Alfons bisher 

Sicher hat dieser von Anfang an den König als solchen anerkannt und 
ihm gehuldigt. Also werden mit den burgundischen Städten Bern und 
Murten gemeint sein, die unter der Schutzherrschaft Thomas’ von 
Savoyen standen und von denen auch der Lübecker Bischof die erst¬ 
genannte Stadt, Bern, ausdrücklich als Richard ergeben bezeichnet. 
VgL hierzu Bappert 19 und die Berner Dissertation 1898 von Walther 
Hadom, Die Beziehungen zwischen Bern und Savoyen 31 ff. 

4. Vgl. darüber B. F. 5318. 

5. Bappert 18 scheint mir dieses demütigende Zugeständnis 
etwas gering einzuschätzen. Allerdings wird Richard ebenfalls, wie 
Alfons, gehofft haben, dass ihn der Papst anerkennen würde; doch 
zeigte sich die Erfüllung dieser Hoffnung damals noch in weiter Ferne 
und war überhaupt zu dieser Zeit noch sehr zweifelhaft. Ausserdem 
kommt es hier gar nicht darauf an, die praktischen Konsequenzen 
dieser und auch der anderen Versprechungen Richards abzuwägen. 
Die blosse Tatsache vielmehr, dass dem König eben nun einmal diese 
Versprechungen abgenötigt worden sind, und dass er nicht die Macht 
gehabt hat, sich dieser Demütigung zu erwehren, charakterisiert die 
Art seines Königtums zur Genüge. 

6. Vgl. Kempf 219. 


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als deutscher König errungen hatte. Seine beiden mächtig¬ 
sten Verbündeten, Frankreich und die Kurie, hatten ihm seit 
der Wahl recht wenig genützt. Bei Frankreich war dies so 
gut wie selbstverständlich. Es musste, sobald die Doppel- 
wähl vollzogen war, in Ludwigs IX. eigenstem Interesse 
liegen, den Zwiespalt im Nachbarreiche möglichst zu er¬ 
halten und zu nähren 7 . Die Friedensstimmung, die an¬ 
scheinend seit der Wahl jenseits des Kanals für Frankreich 
herrschte, muss die passive Haltung Alfons gegenüber nur 
noch verstärkt haben. Alexander IV. aber, das sahen wir 
bereits, tat auch nicht das Geringste, seinem Schützling 
Oeltung zu verschaffen. Auch auf seine Anhänger in Deutsch¬ 
land konnte der Spanier nicht besonders stolz sein. Anfangs! 
war ihre Zahl nicht so gering, dass sie Richard nicht hätte 
Schwierigkeiten und Hindernisse in den Weg legen können, 
aber von seinen Wählern waren ihm der Herzog von Sachsen 
und der Markgraf von Brandenburg bald untreu geworden; 
wenigstens bekümmerten sie sich nicht mehr um ihn. Doch 
standen noch immer Männer wie Arnold von Trier, Heinrich 
von Brabant, Richard von Worms, Heinrich von Speier und 
Graf Adolf von Waldeck 8 auf seiner Seite. Auch die Städte 
Worms und Speier hatten Richard bei seinem Zuge den 
Rhein hinauf nicht anerkannt. Ende des Sommers hatte Alfons 
sogar noch einen neuen Anhänger erhalten, den Herrn 
Albert de la Tours aus Reichsburgund, dem der spanische 
König am 9. September das Truchsessamt übertrug 9 . Alle 
diese Anhänger haben jedoch Alfons höchstens dadurch ge¬ 
nützt, dass sie Richard nicht anerkannten, und dass sie 
infolgedessen manchmal eine verzögernde Wirkung auf seine 
Erfolge äusserten. Irgendwie sich im Dienste des Spaniers 
zu betätigen, etwa gar gegen dessen Rivalen zu Felde zu 

7. Vgl. Busson 60. 

8. Zorns Chronik 105. 

9. B. F. 5489. . Sollte dies wohl mit Alfonsos Absicht, nach 
Italien zu kommen, Zusammenhängen? 


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ziehen, das fiel keinem von ihnen ein, wenn man von dem 
Trierer Erzbischof und dem Gefecht bei Boppard absieht. 
Auch Arnold von Isenburg aber verging bald die Lust, Richard 
weiter zu bekämpfen, und wie wenig die anderen Anhänger 
Alfonsos gesonnen waren, eine Lanze für ihn zu brechen, er¬ 
sieht man aus dem Verhalten des Brabanters; dieser, ob¬ 
gleich ihm Alfons ein solches Vertrauen entgegenbrachte, 
dass er ihn noch im Oktober des Jahres mit einer bedeuten¬ 
den militärischen Stellung betraute 10 , hatte es nicht einmal 
für nötig befunden, Richard bei seinem Zug von Dortrecht 
nach Aachen entgegenzutreten. 

Die grossen Vorteile, die Richard unzweifelhaft in dieser 
Zeit vor Alfons erlangt hatte, und die günstige Position, in 
der er sich augenblicklich dem Spanier gegenüber befand, 
hätte der König von Kastilien ins Wanken bringen können, 
wenn er sich selbst nach Deutschland begeben haben würde. 
Da er dies aber nicht tat und wegen der Unruhen im eigenen 
Lande auch nicht tun konnte 11 , so nahmen die Dinge in der 
bisherigen Weise ihren Fortgang. Trotzdem Richard in 
der ganzen nächsten Zeit auf jedes aktive Vorgehen ver¬ 
zichtete und sich nur auf Unterhandlungen beschränkte, ge¬ 
lang es ihm doch, den Spanier immer mehr in Misskredit zu 
bringen, dessen Stellung immer haltloser zu machen. 

Gleich in den nächsten Monaten trat für Richard eine 
sehr günstige Wendung ein. Alfons, der sich auf jeden Fall 
Einfluss in Italien sichern wollte, beim Papste aber jedes 
Entgegenkommen vermisste, beschloss, selbst nach Italien 
zu kommen, und ging zu diesem Zweck mit dem Feinde 
des Papstes, Ezzelin da Romano, und dessen Anhängern ein 


10. Am 16. Oktober 1257 wurde ihm von Alfons die Ver¬ 
teidigung der Länder von Brabant bis zum Rhein, von den Grenzen 
Triers durch Westfalen bis zum Meere übertragen. B. F. 5493. — 
Dieses ganze Gebiet war zum grössten Teil in Händen Richards und 
musste also erst erobert werden. 

11. Vgl. Busson 64. 


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Bündnis ein. Dies bewirkte, dass die oberitalienischen Städte, 
die der Kurie anhingen, und diese selbst sich auf die Seite 
Richards schlugen. Im Januar etwa 1258 sandte der Papst 
einen Boten an Richard, um ihn seiner Gunst zu versichern. 
Kehrte auch in der Folgezeit Alexander IV. wieder in seine 
passive Stellung zurück, als der Spanier nämlich seinen Zug 
nach Italien nicht ausführen konnte, so war doch das Ver¬ 
trauen des Papstes zu Alfons stark erschüttert. Nur die 
Rücksicht auf Frankreich hinderte ihn wohl noch, sich' für 
Richard zu entscheiden; war erst dieses Hindernis hinweg¬ 
geräumt, d. h. war erst zwischen den drei Königen Ludwig, 
Heinrich und Richard Frieden geschlossen, so war auch der 
Papst gewonnen. 

Dieser Friede nun zwischen Frankreich auf der einen, 
England und Deutschland auf der anderen Seite ist es, der wie 
ein roter Faden die Politik Richards in dem ganzen folgenden 
Jahre durchzieht, der sie bestimmt und ihr die Richtung gibt 

Bereits seit dem Anfang des Jahres 1257 waren ja 
zwischen Heinrich III. und Ludwig IX. Friedensverhandlun- 
gepflogen worden. Diese hatten jedoch bis jetzt zu keinem 
positiven Resultat geführt. Da Heinrich diesen Schritt nicht 
ohne den Rat Richards tun wollte 12 , so wird man annehmen 
können, dass dieser zu einem Frieden im Jahre 1257 noch 
nicht geraten hat. Er wird mit der Absicht Heinrichs ein¬ 
verstanden gewesen sein, das glaubten wir schon aus seiner 
veränderten Stellung zu dem Trierer im Juni jenes Jahres 
schliessen zu können. Doch wünschte er wohl den end¬ 
gültigen Abschluss der Angelegenheit möglichst lange hin¬ 
zuziehen, um dadurch für sich und seinen Bruder möglichst 
günstige und annehmbare Bedingungen zu erzielen. Seine 
Angelegenheiten in Deutschland nahmen damals einen guten 
Verlauf; hätte auch eine Ausschaltung Frankreichs, die durch 
einen Frieden herbeigeführt worden wäre, seine Position in 


12. Vgl. oben S. 39. 


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Deutschland schon damals wesentlich verbessert, so hielt 
er das zu der Zeit wohl noch nicht für unbedingt erforderlich. 
Mit den deutschen Angelegenheiten glaubte er so fertig 
werden zu können. Nun kam jedoch ein neues Moment hin¬ 
zu. Etwa seit dem Frühjahr 1258 zeigte sich deutlich, dass 
auch sein Verhältnis zum Papsttum von seinen und Englands' 
Beziehungeit zu Frankreich abhängig war. Von jetzt an be¬ 
ginnen daher die Unterhandlungen mit Ludwig IX. intensiver 
und mit grösserem Erfolge geführt zu werden. Am 8. Mai 
1258 bevollmächtigt Heinrich III. Simon von Montfort, Peter 
von Savoyen und einige andere, mit Frankreich Frieden zu 
schliessen 13 . Am 22. Mai erteilte bereits Richard von 
Deutschland aus dem Magister Arnold, dem Propst von 
Wetzlar, Vollmacht, dem Frieden beizutreten 14 ; am 24. Mai 
gab er demselben die weitere Vollmacht, sograr ein „Bündnis 
der Freundschaft und der gegenseitigen Hilfe“ mit Ludwig 
zu schliessen 1 *. Am 8. Juni befindet sich Arnold schon in 
Paris und tritt dort dem französisch-englischen Friedensi- 
vertrag bei 16 . Axis dem Inhalt der darüber ausgestellten Ur¬ 
kunde geht jedoch hervor, dass es zu einem Bündnis, wie 
es von Richard gewünscht wurde, nicht kam. Frankreich 
wäre ja auch durch ein solches Bündnis direkt gegen Alfons 
vorgegangen und hätte damit seinen eigenen Interessen zu¬ 
wider gehandelt. 

Unmittelbaren Einfluss und unmittelbare Wirkung haben 
diese Ereignisse auf die deutschen Verhältnisse gehabt. Seit 
dem Mai dieses Jahres hatte Richard mit den Städten Worms 
und Speier neue Unterhandlungen angeknüpft; bisher waren 

13. Rymer 1 371. 

14. Winkelmann I 452 n. 563. 

15. Winkelmann I 453 n. 564: Quod nos magistro Arnoklo . . . 
plenum mandatum et specialem concedimus potestatem, cum illustribus 
principibus Ludewieo rege Francorum et eius primogenito Ludewico 
. . . nostro nomine et amicicie et inutui fedus auxilii paciscendi. 

16. Tresor des chartes III 416. 


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sie vergeblich gewesen. Jetzt wurde ein Erfolg erzielt 
Worms ergab sich am 25. Juli 17 ; Speier folgte zu Anfang des 
Oktober 18 . Von ihren beiden Bischöfen hatte Richard die 
Anerkennung des Wormsers, Eberhard — Bischof Richard 
war noch im Jahre 1257 gestorben — sofort nach dessen 
Wahl, am 28. Dezember 1257, erlangt; der Speirer, der dem 
König noch im letzten Jahre arg zu schaffen gemacht hatte, 
folgte nun ebenfalls nach 19 . Ausser diesen leisteten jetzt auch 
Dietrich von Katzenellenbogen und Rudolf von Baden dem 
König den Huldigungseid 20 . 

Damit hatte Alfons so ziemlich jeden Halt in Deutschland 
verloren. Selbst unter seinen treuesten Anhängern scheint 
nun grosse Unzufriedenheit Platz gegriffen zu haben. Sein 
Versprechen, nach Deutschland zu kommen, hatte er noch 
immer nicht erfüllt, und die verheissenen Geldsummen scheint 
er seinen Anhängern auch manchmal schuldig geblieben 
zu sein 21 . Im August begann der Trierer Erzbischof 
schwankend zu werden und sich auf Unterhandlungen mit 
Richard einzulassen. Auch zwischen Alfons und dem Herzog 
von Brabant scheint zu dieser Zeit eine Spannung eingetreten 
zu sein. Wir ersehen das nicht nur aus einer Bemerkung des 
Matthäus Paris 22 , sondern es geht auch aus einer Urkunde 
hervor, die Alfons am 21. Oktober zu Segovia für den 
Herzog ausgestellt hat 23 : Neue Zahlungen, das Versprechen, 
niemals während seines Lebens auf das Reich zu verzichten, 
und die schon so oft gegebene Zusage, möglichst bald insf 
Reich zu kommen — das charakterisiert wohl zur Genüge die 

17. B. F. 5351, 5351 a. 

18. B. F. 5355. 

19. Er ist in der Urkunde für Speier vom 6. Oktober 1258 be¬ 
reits als Zeuge erwähnt. 

20. B. F. 5352, 5353. 

21. Vgl. Kempf 218, Busson 68. 

22. Vgl. oben S. 43, Antn. 25 und S. 68. 

23. B. F. 5498. 


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Beziehungen, wie sie damals zwischen dem Spanier und 
seinen treuesten Anhängern in Deutschland statt hatten. 
Zwar erhielt Alfons noch im letzten Drittel des Jahres zwei 
neue Bundesgenossen, den Herzog Hugo von Burgund und 
den Grafen Guido von Flandern 24 . Beide mussten ihm Hilfe 
und Unterstützung gegen Richard versprechen. Doch hat 
dies für Richard so gut wie gar keine Bedeutung gehabt; 
Alfons machte keine Anstalten, nach Deutschland zu kommen 
und seinen Rivalen mit den Waffen zu bekämpfen. 

Die Wirkung jedoch, die sich Richard wohl hauptsächlich 
von dem Vertrag mit Frankreich versprochen hatte, blieb 
aus. Die Kurie nahm dieselbe zurückhaltende Stellung ein 
wie vorher, und sie tat dies nicht ohne Grund. Wohl war 
jetzt zwischen Deutschland und Frankreich der Friede ge¬ 
schlossen, zwischen England und Frankreich jedoch war er 
noch immer nicht zustande gekommen. Die Verhandlungen 
zwischen diesen beiden Mächten waren wieder schwebend 
geblieben. Richard beschloss daher nun, persönlich in die 
Unterhandlungen einzugreifen. Man verabredete eine Zu¬ 
sammenkunft der drei Monarchen von England, Frankreich 
und Deutschland in Cambray, einer Stadt, die Richard bereits 
als König anerkannt hatte. Noch im Oktober wird Richard 
dahin aufgebrochen sein 25 . Damals hatte er wohl noch nicht 
die Absicht, von Cambray aus nach England zu gehen und 
Deutschland für eine Weile zu verlassen, sonst hätte er wohl 
schon jetzt bei dieser Abreise, wie er es bei der zweiten 
im Jahre 1260 getan hat, Reichsverweser ernannt 26 . Wahr- 

24. B. F. 5496, 5500. 

25. Am 19. Oktober 1258 ist Richard zuletzt am Rhein, in Worms, 
nachweisbar. B. F. 5356. 

26. B. F. 5356 a nimmt an, dass Richard schon bei seiner ersten 
Abreise Reichsverweser ernannt habe; dieser Ansicht hat sich ßappert 
34 angeschlossen. Sie stützen sich dabei auf das Chronikon Wormat. 
55: „Inter haec Wormatienses magnas habuerunt inimicitias cum 
Jacobo von dem Stein et Simone de Guntheim, qui multos ex civibus 


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scheinlich gedachte er nach einem günstigen Abschluss der 
Friedensverhandlungen zum Rhein zurückzukehren, da er 
ja dann hoffen durfte, den Römerzug unternehmen zu können. 
Es kam jedoch ganz anders, als er erwartet hatte. Zunächst 
Hessen die englischen Barone ihren König nicht nach Frank¬ 
reich übersetzen, sondern entsandten am 6. November einige 
aus ihrem Lager zu der verabredeten Zusammenkunft. Als 
aber Heinrich nicht erschien, stellte sich auch Ludwig nicht 
ein. Damit war der Friede zwischen den Nationen wieder 
auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben und mit ihm Richards 
Rötnerzug und Richards Kaiserkrönung. Nun erst, um 
Weihnachten herum, wird sich der König entschlossen haben, 


eorum ceperunt, quod tarnen rectificatum et concordatum fuit anno 
domini 1260. Post hoc rediit Richardus rex ad Angliam committens 
Philippo comiti de Falckenstein die Wederawe, et Alsaciam domino 
episeopo Wernhero Argentinensi, plus ex favore quam ex iustitia; 
similiter et Philippo de Hoenfels Bobardiam et Wesaliam cum suis 
attinentiis, que omnia ad suam redegerunt utilitatem.“ B. F. bezieht 
nun die Worte „Post hoc“ auf den Bericht, der vor dieser ganzen 
Stelle über Ereignisse während der Anwesenheit Richards in den 
Jahren 1257/58 steht. Diese beiden Worte knüpfen aber offenbar an das 
unmittelbar vor ihnen erwähnte Ereignis des Jahres 1260 an. Schon 
Becker, Königliche Prokuratoren und Statthalter des Elsasses vor 1273 
(MIÖG. XXVI 340) hat dies ausführlich und überzeugend auseinander¬ 
gesetzt. Seine Annahme wird durch eine weitere Quellenstelle 
unterstützt. Zorns Chronik 114 erzählt nämlich beim Jahre 1261: 
„Darauf er in Engelland mit seinem weib gezogen, als er graf Philipsen 
von Falkenstein ... die Wetterau, dem bischof von Strassburg das 
Eisass, herrn Philipsen von Hohenfels Boppard und Wesel mit ihren 
zugehörden befohlen, welche denn alle ding also anstelleten und 
regierten, dass auch ihrer dabei nit vergessen ward.“ Sicher gehört 
dann auch die Bemerkung der Annal. Hambg. M. G. XVI 384: „Anno 
Domini 1260. Richardus rex in Angliam cum uxore sua rediit et 
investituram episeoporum archiepiscopo Coloniensi commisit“, die 
Böhmer-Ficker ebenfalls schon in das Jahr der ersten Abreise, 1258, 
setzen will, in das Jahr 1260; die Einwendung Böhmer-Fickers, dass 
ja beim zweiten Aufenthalt Richards die Königin nicht mit nach 
Deutschland gekommen sei, trifft nicht zu. Vgl. Bappert 52. 


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sein Königreich eine Zeit lang zu verlassen und in England 
nach dem Rechten zu sehen. Neben manchen anderen 
Motiven, die ihn hierzu veranlassten, wird er auch gehofft 
haben, durch sein persönliches Erscheinen in England endlich 
den ersehnten Frieden herbeiführen zu können. In dieser 
Hoffnung sah er sich auch nicht getäuscht. Kurz nach 
Richards Eintreffen in London, am 9. Februar, wurde die 
endgültige Formulierung des Friedens zwischen England und 
Frankreich vollzogen, dem am 10. Februar Richard selbst, 
wie auch sein Sohn Heinrich beitraten 27 . Was der König 
erwartet hatte, geschah. Im folgenden Monat schon trat 
Alexander IV. offen auf seine Seite, im April aber Hess er 
ihn bereits durch den Minoriten Walther de Rogate zur 
Kaiserkrönung «berufen. 

Sicher waren die Erfolge, auf die Richard zurückblicken 
konnte, gross, wenn er sie an denen des Spaniers mass. 
Auch wenn er sie mit den ersten Regierungsjahren Wilhelms 
von Holland verglich, musste er zu demselben Ergebnis 
kommen; mit Hilfe seines Geldes war er, ein Fremdling, in 
viel kürzerer und schnellerer Zeit zu Ansehen gekommen, 
als sein Vorgänger. Doch Richard fehlte zu seinem König¬ 
tum eins, was von entscheidender Bedeutung war, der Besitz 
eines Territoriums in seinem Königreich. Dass er in dieser 
Beziehung jedem anderen deutschen König gegenüber in 
schwerem Nachteil war, muss ihm bereits im ersten.Jahr 
seiner Regierung klar geworden sein. Durch Geldmittel 
hatte er ihn damals aufgewogen, durch Geldmittel hätte er 
ihn vielleicht auch weiter aufwiegen können. Aber Richards 
Geldmittel waren nicht unerschöpflich; bereits im Jahre 1257 
hatten sie versagt. Wo sollte er die Summen hemehmen, 
um dauernd sein Königtum zu behaupten? Richard setzte 
sich nicht unerreichbare Ziele. Schon sein Zug nach Süd- 
Deutschland muss ihm die Erkenntnis der Ohnmacht und der 

27. Winkelmann I 453 n. 565. 


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Aussichtslosigkeit seines Königtums eingebracht haben. 
Vielleicht wäre er bereits am Ende des Jahres 1257 oder im 
Verlaufe des Jahres 1258 nach England zurückgekehrt, zu¬ 
mal sich sein Bruder im Sommer 1258 in einer äusserst be¬ 
drängten Lage befand, wenn ihn nicht die Hoffnung, vom 
Papst berufen zu werden, zurückgehalten hätte. Als diese 
Hoffnung unerfüllt blieb, Hess er auch sein deutsches König¬ 
reich im Stich. Fortan bekümmerte er sich wenig oder gar 
nicht mehr um die deutschen Verhältnisse. Der zweite 
Aufenthalt in Deutschland galt nur dem Römerzug. Dann 
kam er nur noch, wenn seine Anwesenheit in Deutschland 
unumgänglich notwendig war, um die Krone nicht zu ver¬ 
lieren 28 , so dass für die spätere Zeit seines Königtums wohl 
der Ausspruch Böhmers gelten kann, „dass er die deutsche 
Krone nur mehr als einen Luxusbesitz betrachtete, mit dem 
er von Zeit zu Zeit Schaugepränge trieb.“ 

28. Vgl. Bappert 44—50. 


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Beilage. 


Matthäus Paris und das Königtum Richards von Cornwall. 

(Ein kritischer Beitrag zur Glaubwürdigkeit 
des englischen Chronisten.) 

Von allen englischen Quellen bringt die Chronica majora 
des Matthäus Paris zweifellos die meisten und eingehendsten 
Berichte über das Königtum Richards von Cornwall. Be¬ 
sonders die Zeit von Weihnachten 1256 bis April 1257, von 
der'Ankunft der deutschen Gesandten in London bis zum 
Aufbruch des Königs nach Deutschland, finden wir in unge¬ 
mein ausführlicher und breiter Weise dargestellt. Darf man 
aber an sich schon den Nachrichten des Mönches von 
St. Alban nicht ein allzugrosses Vertrauen entgegenbringen, 
ist schon im allgemeinen eine scharfe Kritik bei ihm un¬ 
umgänglich notwendig 1 , so muss dieses Misstrauen und diese 
Kritik hier noch besonders erhöht und verschärft werden. 
Matthäus Paris ist, wie die meisten Chronisten seiner Zeit, 
kein objektiver Geschichtsschreiber und steht nicht über 
den Parteien; doch nimmt wohl keiner von seinen Zeit¬ 
genossen an allen Dingen einen so lebhaften Anteil und 
verfolgt alles mit einem so leidenschaftlichen Interesse wie 
er. Selten hat daher wohl bei ihm eine fortlaufende Reihe 
von Ereignissen eine derartig tendenziöse Färbung erhalten, 
wie die Darstellung dieser deutschen Angelegenheiten. Im 
Grunde können jene Vorgänge weder für Deutschland noch 
für England ein Ruhmesblatt in der Geschichte beanspruchen. 

1. Vgl. Kempf, Exkurs I: „Matthäus Paris und die Lyoner Zu¬ 
sammenkunft.“ 


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Matthäus Paris mit seinem stark ausgeprägten National¬ 
gefühl hat aber ein solches für England daraus schaffen 
wollen, er hat die Engländer und ihre Bestrebungen zu 
retten versucht Dies konnte jedoch nur geschehen, indem 
den Dingen die äusserste Gewalt angetan wurde, wie wir aus 
dem folgenden ersehen w'erden. 

Der Mönch tut der deutschen Angelegenheiten zuerst 
zu Weihnachten des Jahres 1256 Erwähnung; erst in dieser 
Zeit lässt er die Verhandlungen zwischen England und 
Deutschland, und zwar von Seiten der Deutschen, beginnen. 
Hierin liegt schon eine völlige Entstellung der eigentlichen 
Sachlage. Er verschweigt uns nicht nur, dass die Initiative 
dazu von England ausgegangen ist, seine ganze Darstellung 
verfolgt vielmehr den ausgesprochenen Zweck, uns von dem 
Gegenteil zu überzeugen. Matthäus Paris weiss daher nichts 
von dem Brief Heinrichs III. an Wilhelm Bonquer vom 
27. März 1256; er hat keine Kunde von der Gesandtschaft, 
die dieser König am 12. Juni 1256 an die deutschen Fürsten 
absandte 2 , und die bereits Konrad von Köln und Ludwig von 
Bayern für Englands Pläne gewann. Auch von der zweiten 
englischen Gesandschaft, Richard Glocester, Johannes 
Mansel und Nikolaus von Cambray 3 , die im November nach 
Deutschland ging und die endgültigen Abmachungen mit den 
deutschen Fürsten traf, ist ihm nichts zu Ohren gekommen 4 . 
Die Vereinbarungen, die hier geschlossen wurden, waren 
auch wenig geeignet, die Engländer stolz zu machen; sie 
werfen ein charakteristisches Licht auf die ganze Angelegen¬ 
heit und zeigen deutlich, dass es den Deutschen für ihren 
Thron weniger um leinen Engländer, als den Engländern um 

2. Vgl. oben S. 13. 

3. Auch er muss dieser Gesandtschaft später zuerteilt worden 
sein; wenn ihn auch die Quellen nicht erwähnen, so findet sich doch 
sein Name in den Urkunden vom 26. November und 15. Dezember 
ausdrücklich neben denen der andern genannt 

4. Vgl. für die Verhandlungen vor der Wahl oben S. 14 Anm. 28. 


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den deutschen Königsthron zu tun war 5 6 . Trotzdem hat man 
auch in England wohl darum gewusst; der ehrliche Thomas 
Wykes gibt nicht nur ganz offen zu, dass vor der Wahl mit 
dem Mainzer, dem Kötner und dem Pfalzgrafen verhandelt 
wurde, sondern er nennt uns sogar die Höhe der Geld¬ 
summen, die ihnen als Preis für ihre Stimmen gezahlt 
worden sind 6 . 

Erst von der nun folgenden deutschen Gesandtschaft, 
Walram von Jülich, Friedrich von Schleiden und Magister 
Theoderich von Bonn, die von Konrad mit den geschlossenen 
Vereinbarungen nach London geschickt wurden und zu 
Weihnachten 1256 dort eintrafen, will auch Matthäus Paris 
etwas erfahren haben; mit ihr beginnt er seine Darstellung 7 . 
Aus den Urkunden, die diese Gesandten mitbrachten, musste 
für jedermann klar hervorgehen, dass die Wahl Richards: 
keine einstimmige sein könnte. Der Kölner Erzbischof z. B. 
bedingt sich ausdrücklich eine Geldentschädigung aus, „si 
ipse( Richard) horum trium videlicet Maguntinensis, Colonien- 
sis et comitis Palatini Reni non fuerit electione eontentus.“ 
Auch Thomas Wykes hat hiervon Kenntnis bekommen, er be¬ 
merkt ausdrücklich, dass die vier anderen Fürsten nicht für 


5. Man traf zuerst mit dem Mainzer Abmachungen, der für seine 
Stimme 8000 Mk. erhielt. Dann folgten am 25. und 26. November 
der Pfalzgraf, dem für seine Stimme und für sein Versprechen, eine 
englische Prinzessin heiraten zu wollen, 12 000 Mk. zugestanden 
wurden. Ausserdem gab man ihm die Versicherung, dass gegen 
Konradin und dessen Besitzungen nichts unternommen werden würde. 
Schliesslich wurden dem Erzbischof von Köln am 15. Dezember 1256 
ebenfalls 8000 Mark für seine Stimme zugesagt mit dem Versprechen, 
dass die Beamten innerhalb des Kölner Sprengels und die Ritter und 
Edlen zur Unterstützung derselben nur nach dem Rat und Willen 
Konrads von Hochstaden und Johanns von Avesnes gewählt werden 
sollten. Vgl. die Urkunden in den M. O. Const. II 479—482 n. 377 
bis 383. Vgl. auch über die Abmachungen mit dem Pfälzer oben S. 30. 

6. Thomas Wykes 113. — Ueber die Höhe der einzelnen 
Geldsummen ist er allerdings falsch unterrichtet. 

7. Matth. Paris 601 ff. 


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Richard gewonnen wurden 8 9 . Dennoch entblödet sich der 
Mönch von St. Alban nicht, zu sagen, „dass der Erzbischof von 
Köln und einige andere deutsche Fürsten durch diese Ge¬ 
sandten Briefe mitgeschickt hätten, welche dem zum Zeugnis 
dienten, die ihre einmütige Gutheissung aussprachen, und 
worin sie versicherten, dass noch niemals ein Fürst so ohne 
allen Widerspruch, so rein und einstimmig zu dieser Würde 
gewählt worden wäre.“ Dementsprechend lässt er die 
deutschen Gesandten, die doch nur mit der Mitteilung be¬ 
auftragt waren, dass drei von ihren Fürsten Richard eu 
wählen bereit seien, an König Heinrich und seinen Bruder 
bestellen, „dass sie den Grafen Richard einmütig und vor- 
schriftsmässig zum König von Deutschland erwählt haben, 
und dass sie ihn als ihren König und Herrn verlangen, wenn 
er nur ihrem Willen beipflichten wollte.“ Auch am Ende 
dieser Erzählung bleibt er konsequent. Während Thomas? 
Wykes ausdrücklich bemerkt, dass Richard „in festo Sancti 
Hillarii“ erwählt worden sei, stellt ihn unser Gewährsmann 
bereits zu Weihnachten als gewählt hin und ignoriert dann 
einfach den eigentlichen Tag der Wahl. Um aber dennoch 
das Datum des 13. Januar mit der ganzen Darstellung in einen 
gewissen Zusammenhang Zu bringen, erzählt er uns, „dass die 
deutschen Boten, die über Richards Annahme recht im 
Zweifel gewesen seien, hoch erfreut wurden, als diese nun 
doch erfolgte, und dass sie fröhlich nach Hause zurück¬ 
kehrten, um am zwanzigsten Tage nach der Geburt des 
Herrn — also am 13. Januar 1257 — den Fürsten diese Bot¬ 
schaft mitzuteilen.“ 

In diesem Sinne sind auch die ganzen Verhandlungen 
dargestellt, die zwischen 'den Deutschen einerseits und dem 
König Richard und den versammelten Grossen andererseits 
zu London am Weihnachtstage erfolgt sein sollen. Eine 


8. Thomas Wykes 115. 

9. Thomas Wykes 111 u. 114. 


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rührende und tief erbauliche Szene ist es, wie sie uns 
Matthäus Paris hier vorführt, rührend und erbaulich aller¬ 
dings nur für denjenigen, der den wahren Sachverhalt nicht 
kennt. Für den Eingeweihten hört sie sich beinahe wie eine 
beissende Satire an, und wenn man nicht aus den weiteren 
Nachrichten des Mönches ersehen würde, dass es ihm hier 
wirklich bitterer Ernst ist, so könnte man meinen, er habe 
an dieser Stelle die Wahl des englischen Prinzen parodieren 
wollen. Uebrigens will er zum Teil persönlich von einem 
Augenzeugen unterrichtet worden sein, von dem Bischof 
Heinrich von Bangor. 

Nach der Darstellung des Matthäus Paris hätten die 
Worte der deutschen Gesandten vor der Versammlung in 
London zunächst allgemeines Erstaunen und Aufsehen er¬ 
regt. Während noch alle im Unklaren darüber gewesen 
seien, was man hierzu tun sollte, weil die Gegenwart des 
Grafen in England sehr notwendig wäre, habe König Heinrich 
selbst das Wort ergriffen und seinen Bruder aufgefordert, 
diese ihm vom Himmel und den Menschen übertragene Ehre 
nicht abzulehnen. Einige seien darüber höchlichst er¬ 
schrocken gewesen im Hinblick auf das Verhängnis, das 
über den deutschen Königen zu walten schien. Andere 
jedoch hätten den Grafen getröstet und darauf hingewiesen, 
dass er ja nicht vom Papst gewaltsam aufgedrängt werde, 
dass er auch nicht auf dessen schmählich erworbene Geld¬ 
summen angewiesen sei, sondern dass er an eigenem Reich¬ 
tum und eigenen Schätzen Ueberfluss habe, und dass ihn 
überdies seine Freunde und Blutsverwandten in Deutschland 
wie in England unterstützen würden. Als dann noch König 
Heinrich und von dessen Brüdern besonders der Bischof 
von Winchester ihm Mut zugesprochen und auf die grosse 
Ehre hingewiesen hätten, die der ganzen englischen Nation 
dadurch widerfahre, habe sich der Graf ermannt und mit 
lauter Stimme gesagt: „Auch ich vertraue auf Gott und 
nehme, obwohl untüchtig und unwürdig, diese ehrenvolle 


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Bürde, die mir hoffentlich von Gott übertragen ist, auf mich, 
um nicht verzagt und kleinmütig zu erscheinen.“ Und zu 
den Bischöfen gewendet, unter denen sich der schon ge¬ 
nannte Heinrich von Bangor befand, habe er hinzugefügt: 
„Ich will, ehe ich diese Kapelle verlasse, vom höllischen 
Feuer verzehrt werden und eines plötzlichen Todes sterben, 
wenn ich dies aus Ehrgeiz oder Habsucht tue, es geschieht 
vielmehr, um jenes Reich, wozu Gott seinen Segen geben 
möge, wieder in bessere Verfassung zu bringen, und die¬ 
jenigen, welche mich freiwillig zu ihrem König erwählt 
haben, mit Milde und Gerechtigkeit in Ehren regieren zu 
können.“ Viele seien dadurch zu Tränen gerührt, die deut¬ 
schen Gesandten aber mit grösster Freude erfüllt worden. 

Nach dieser Darstellung müssten also nicht nur Matthäus 
Paris, sondern auch die englischen Magnaten nichts von den 
vorangegangenen Verhandlungen gewusst haben; es wäre 
dann, wie Busson meint, „eine kleine Komödie“ gewesen, 
die man „zur Beruhigung der englischen Barone“ aufgeführt 
hätte 10 . Ich kann mich dieser Ansicht nicht anschliessen. 
Wenn auch die Pläne Heinrichs nicht in die breiteren 
Schichten des Volkes gedrungen sein werden, so können doch 
alle diese Gesandschaften und Abmachungen unmöglich der 
näheren Umgebung des Königs verborgen geblieben sein. 
Wie könnten denn sonst andere englische Chronisten davon 
Kenntnis haben? Thomas Wykes z. B. weiss schon von der 
Gesandtschaft des Johann von Avesnes, die etwa im Septem¬ 
ber 1256 durch die deutschen Fürsten erfolgte. Thomas 
Wykes hat ferner Kunde von der englischen Gesandtschaft 
aus dem November 1256, und er sagt hierzu ausdrücklich, 
Richard habe Glocester und Mansel geschickt „tribuens 
eis plenam potestam oomponendi cum eiectoribus; recepta 
de eis securitate quod eum eligerent 11 .“ Die Annales de 

10. Busson 17. 

11. Thomas Wykes 112. 


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Wintonia verlegen gar die Wahl Richards bereits in den 
November des Jahres 1256 12 . Unmöglich können also der 
König und seine nächsten Berater diese Dinge völlig ver¬ 
borgen gehalten haben. Schon aus diesem Grunde kann 
also jene „Komödie“ dort nicht aulgeführt worden sein, 
ganz abgesehen davon, dass ein Mann wie Richard sich zu 
einem solchen Schauspiel kaum hergegeben haben würde. 
Matthäus Paris hat uns vielmehr hier eine Darstellung ge¬ 
geben, die die Tatsachen vom Anfang bis zum Ende verhüllt 
und entstellt. Der einzige wahre Kern in dem Ganzen ist 
die Ankunft der deutschen Gesandtschaft in London zu Weih¬ 
nachten 1256, alles andere hat er sich für seine Tendenzen 
zurechtgemacht. Die Verhandlungen vor der Wahl ver¬ 
schweigt er, um tins den Eindruck gewinnen zu lassen, dass 
die Initiative von Deutschland gekommen ist; aus diesem 
Grunde stellt er auch Richard hier bereits als gewählt hin, 
während er weiter unten dies wieder vetgessen hat und ihn 
als noch nicht gewählt bezeichnet 13 . Die deutschen Ge¬ 
sandten lässt er als Bittende erscheinen, um die Persönlich¬ 
keit des englischen Königssohnes im besonderen und die 
Bedeutung der englischen Nation im allgemeinen möglichst 
zu heben und in das rechte Licht zu stellen. Da^ stärkste, 
was er sich zu diesem Zweck geleistet hat, ist jenes Schau¬ 
spiel in London, wo er sogar die einzelnen Worte genau 
anführt, die dort gesprochen sein sollen. Es verfolgt die¬ 
selben Tendenzen und will uns, vor allem durch seine Be¬ 
rufung auf jenen Heinrich von Bangor, unbedingt von der 
Richtigkeit und Glaubwürdigkeit seiner Darstellung über¬ 
zeugen. 

Diese Haltung des Matthäus Paris ist typisch und 
charakteristisch für seine ganze weitere Art, die deutschen 
Angelegenheiten zu behandeln. Fast immer knüpft er an 


12. Annal. de Wintonia 96: Item tnense Novembris electus est 
com es Ricardus in regem Alemanniae. 

13. Vgl. die folgende Darstellung. 


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eine bestimmte Tatsache an, fast niemals erfindet er etwas 
vollständig, aber jedes Mal weiss er die Dinge so zu ge¬ 
stalten und nach seinem Sinn umzumodeln, dass es schwer 
hält, den wahren Kern hcrauszufinden. So kann man jlim 
eine gewisse Ehrlichkeit nicht absprechen, wenn er uns 
die Gründe angibt, die die Deutschen zur Wahl Richards 
veranlasst hätten 11 . Allerdings sind die zuerst angeführten 
Motive unzutreffend und von dem Chronisten erfunden 
worden. Wegen der Verwandtschaft der englischen mit der 
deutschen Sprache und wegen der gemeinsamen Abstam¬ 
mung beider Völker ist Richard nicht zur deutschen Königs¬ 
würde gekommen. Aber Matthäus Paris verschweigt doch 
auch nicht den Hauptgrund, den er allerdings in geschickter 
und unauffälliger Weise erst an letzter Stelle bringt, den 
Reichtum des englischen Königssohnes. „Elegerunt ipsum 
comitem Ricardum . . . propter sui thesauri abundantiam.“ 
Gerade hier werden wir ihm auch seine Ehrlichkeit und Auf¬ 
richtigkeit nicht allzu hoch anrechnen dürfen. Der Gedanke, 
die Deutschen hätten Richard wegen seines Geldes gewählt, 
ist zwar an sich nicht erhebend, andererseits aber auch wieder 
geeignet, den Engländer mit Stolz und Selbstgefühl zu er¬ 
füllen. Ein englischer Prinz eben ist es, den Gedanken hat 
Matthäus Paris sicher hier gehabt, dem vermöge seines 
Reichtums nicht einmal eine Königskronc zu teuer war. 

„Numnius ait pro me, nubit Cornubia Romae.“ 

Diese Worte sind sicher nicht ein Zeugnis für die 
englische Bescheidenheit. Stützt sich doch jene Fabel von 
dem ungeheuren Reichtum des englischen Grafen, die noch 
heute verbreitet ist und geglaubt wird, und auf die ich noch 
weiter unten zurückkommen werde, im wesentlichen auf die 
Angaben des Mönches von St. Alban. 

Richtig ist zunächst wieder und lässt sich urkundlich 
wie durch andere Quellen belegen, dass gleich nach jenen 


1-J. Matth. Paris '603. 


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Weihnachtstagen des Jahres 1256 Graf Richard von Glo- 
cester und Johannes Mansel nach Deutschland geschickt 
wurden. Was Matthäus Paris dagegen weiter über diese 
Gesandten sagt 15 , ist zum grössten Teil Ausschmückung. Es 
war nicht der Zweck dieser Gesandtschaft, die Stimmung 
und Gesinnung der deutschen Fürsten zu erforschen; die 
musste ja Richard jetzt bereits zur Genüge kennen. Ihr 
Auftrag ging vielmehr dahin, den König während seiner Ab¬ 
wesenheit als Prokuratoren zu vertreten; vor allem sollten 
sie ihm wohl den Weg nach Aachen frei machen. So haben 
sie mit Otto von Geldern über den Zug Richards durch dieses 
Land verhandelt, so haben sie mit dem Pfalzgrafen Ludwig 
ein definitives Abkommen getroffen; auch die Stadt Aachen 
w.urde vielleicht bereits durch ihre Bemühungen für Richard 
gewonnen 16 . Diese Tatsachen sind Matthäus Paris nicht ver¬ 
borgen geblieben; er will sie der Nachwelt nicht vorenthalten. 
Daher erzählt er uns — wieder klingt es wie Satire und Hohn 
— dass diese Gesandten alles nach Wunsch gefunden hätten; 
die Grossen des Landes seien dem Herrn Grafen so ergeben 
gewesen, dass sie ihm nicht nur Treue schwuren, sondern, 
dass sogar mehrere von ihnen seinen Gesandten die Schlüssel 
zu ihren Städten und Burgen auslieferten. 

Die Gesandtschaft Glocesters und Mansels dient unserem 
Chronisten dazu, einen Blick auf die Haltung Frankreichs zu 
werfen. Frankreich hatte ja schon am Anfang des Jahres 
1256 Stellung zu der deutschen Thronfolge genommen; dann 
war erst im Verlaufe des Jahres England als rivalisierende 
Macht daneben getreten 17 . Matthäus Paris erzählt uns nun, 
dass die Franken in grosse Gorge geraten seien, als sie von 
der Kandidatur Richards — hier erscheint Richard mit einem 
Male als noch nicht gewählt — gehört hätten. Sie hätten 
daher ihm und seinen Gesandten Fallstricke gelegt und die 

15. Matth. Paris 604. 

16. Vgl. oben S. 20. 

17. Vgl. oben S. 11 ff. 


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Herzen einiger deutscher Fürsten zu gewinnen gesucht, um 
seine Erwählung gänzlich oder wenigstens teilweise zu ver¬ 
hindern. Um so fester seien jedoch die Deutschen zu dem 
Herrn Grafen gestanden 18 . 

Dass den Gesandten wirklich Fallstricke gelegt wurden, 
ist unwahrscheinlich und lässt sich durch keine weitere 
Quelle (belegen; übrigens ist es auch von wenig oder gar 
keiner Bedeutung. Wichtiger ist, dass Matthäus Paris erst 
hier von dem Eingreifen der Franzosen in die deutschen 
Verhältnisse spricht, dass er erst hier die Ereignisse bringt, 
die bereite in das Vorjahr fallen. Die Absicht, die Franzosen 
als Friedensstörer zu brandmarken, ihr Eingreifen als ein 
sekundäres hinzustellen, ist hier unverkennbar. Auch greifen 
sie nach seiner Schilderung nicht ein, um offensive Politik 
zu treiben, sondern um einer Vereinigung der deutschen und 
der englischen Interessen vorzubeugen. „Formidabat 
Francia vehementer, ne inter hos, quasi inter duas molas, 
oontereretur 19 .“ In Wirklichkeit war es genau umgekehrt ge¬ 
wesen. Gerade weil Heinrich III. fürchtete, dass die fran¬ 
zösischen Bestrebungen Erfolg haben würden, hatte er seinen 
Brief an Wilhelm Bonquer geschrieben. Matthäus Paris 
weiss aber auch bereits, wie sich die Nachbarn über die 
eventuelle Wahl Richards zu trösten suchten. Sie haben, 
so sagt er, die früheren erfolglosen Angriffe von früheren 
deutschen Königen in Betracht gezogen, von Königen, die 
aber nicht schwach und unkriegerisch wie Richard gewesen 
seien; und sie sind daher zu dem Ergebnis gekommen, 
dass sie von Richard noch viel weniger zu befürchten hätten 20 . 
Ob der Mönch diese Erwägung den gehassten Nachbarn in 
den Mund legt, um sie zu verspotten, oder ob er hiermit nur 
seinen eigenen Zweifeln und Gedanken eine gewisse Ein¬ 
kleidung geben will, lässt sich nicht bestimmi entscheiden. 

18. Matth. Paris 604 ff. 

19. Vgl. Matth. Paris 636. 

20. Matth. Paris 605. 


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Sicher ist jedenfalls, dass diese Erwägung richtig ist. Frank¬ 
reich hatte in der Tat nicht das Geringste von Richards 
deutschem Königtum zu befürchten. Eher hatte es Vorteile 
davon. Der im Jahre 1259 zwischen den drei Königen 
Ludwig, Heinrich und Richard geschlossene Friede, der für 
den ersteren so günstig ausfiel, wurde wesentlich mit durch 
die deutschen Verhältnisse und durch das Königtum Richards 
veranlasst 31 . Schon gleich nach der Wahl seines Bruders', 
am 20. Februar 1257, hatte ja Heinrich III. Friedensverhand¬ 
lungen mit Ludwig IX. angeknüpft 22 . Unmöglich kann man 
also in Frankreich durch die bevorstehende Wahl des Eng¬ 
länders in grosse Sorgen geraten sein, wenn man natürlich 
auch noch nicht bestimmt wissen konnte, welche Wirkung 
diese auf die französisch-englischen Beziehungen haben 
würde. Daher darf man dem Mönch auch keinen Glauben 
schenken, wenn er weiter von den vielen Verteidigungsmass- 
regeln spricht, die in Frankreich vor und nach der Wahl ge¬ 
troffen sein sollen. Nicht weniger als dreimal 23 erzählt er 
uns, dass Ludwig IX. die Normandie und die angrenzenden 
Gebiete durchzogen habe, um die Schwankenden zu er¬ 
mutigen und die Städte und Orte zu befestigen und zu ver¬ 
stärken. Diese ganzen Ausführungen über die Haltung der 
Franzosen entbehren vielmehr jeden wahren Kerns; sie sind 
auf die Rechnung der englischen Grosssprecherei und Prahl- 
sucht zu schreiben und in das Gebiet der Fabel zu verweisen. 

Im allgemeinen richtig und übereinstimmend mit den 
übrigen englischen Quellen ist der Bericht, den Matthäus 
Paris uns von dem Märzparlament des Jahres 1257, von der 
Ankunft des Kölner Erzbischofs und seiner Begleiter, von 
ihier Huldigung und von Richards Landung und Krönung in 
Deutschland gibt. Im einzelnen fehlt es jedoch auch hier nicht 


21. Vgl. oben S. 78 ff. 

22. Vgl. oben S. 16. 

23. B. F. 6352, 6353. 


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an tendenziösen Entstellungen und Lügen. Vor allem sind 
es die Deutschen, die an dieser Stelle etwas abbekommen, 
und auf deren Kosten die englischen Bestrebungen gerecht¬ 
fertigt werden. Nach Matthäus Paris hat man nämlich in 
England auch bis jetzt noch nicht die leiseste Ahnung von all 
jenen Ereignissen, die der Wahl vorhergingen. Die ganzen 
Vorgänge des Jahres 1256 zeigen klar und deutlich, dass 
man von Anfang an nicht nur an der Kurie sondern auch 
in England die Bewerbung des Spaniers um die deutsche 
Königskrone gekannt haben muss 24 . Aus den Abmachungen, 
die am Ende des Jahres mit dem Pfälzer uriO dem Kölner 
getroffen wurden, musste man s> ziemlich ersehen können, 
welche Fürsten für Alfons, und welche für Richard stimmen 
würden. Endlich musste die zwiespältige Wahl selbst, die 
sofort in England bekannt wurde 25 , ein grelles Licht auf die 
ganze Sachlage werfen und jeden sehend machen der bis 
jetzt noch blind gewesen war und sich irgendwelchen 
schönen Illusionen hingegeben hatte. Auch waren diese 
Verhältnisse durchaus nicht der Oeffentlichkeit verborgen ge¬ 
blieben, im Gegenteil, man war in England vortrefflich über 
alles unterrichtet. So erzählt uns z. B. Thomas Wykes, dass 
zu der Wahl bei Frankfurt vom 13. Januar 1257 der Herzog 


24. Vgl. oben S. 11-13. 

25. Vgl. oben S. 19 ff. — Auch Matth. Paris hat tiefer von den 
einzelnen Vorgängen bei der Wahl Richards Kenntnis gehabt. Gleich 
nach dem 13. Januar liessen nämlich der Kölner Erzbischof und der 
Pfalzgraf Briefe ausgehen, in denen sie über den Verlauf der Wahl 
Bericht erstatteten. Sie betonten darin hauptsächlich, dass sic sich 
am achten Tage nach Epiphanias bei Frankfurt eingefunden hätten, 
dass der Mainzer Erzbischof den Kölner mit seiner Vertretung be¬ 
auftragt hätte, und dass diese drei Richard gewählt hätten, nachdem 
der Trierer, der Sachse, der Brandenburger und der Böhme ver¬ 
geblich aufgefordert worden seien, zu kommen und sich an der 
Wahl zu beteiligen. Dieser Brief war Matthäus Paris bekannt. Er 
hat ihn in die Additamenta S. 341 n. 17b aufgenommen, aber in seiner 
Darstellung unberücksichtigt gelassen. 


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von Bayern und der Kölner Erzbischof erschienen waren, 
und dass der Mainzer Erzbischof sich durch einen Prokurator 
vertreten liess. Er macht darauf aufmerksam, dass nur diese 
drei Richard zum König erwählten, und bemerkt ausdrücklich 
von den übrigen Fürsten: „Reliquis quatuor non consen- 
tientibus, nec tarnen impedire valentibus.“ Er ist sogar 
davon unterrichtet, dass einige Zeit danach der Erzbischof 
von Trier, der mit Richard nicht handelseinig geworden 
sei, den König Alfons von Spanien zum römischen König 
erwählt, und dass dieser auch die Wahl angenommen habe 26 . 
Matthäus Paris weiss von alledem gamichts. Bis zur An¬ 
kunft des Kölners, ja noch eine ganze Weile darüber hinaus, 
bis zum Ende des Jahres 1257, ist nach seiner Darstellung 
den Engländern nichts von der Zwietracht unter den 
deutschen Fürsten und von der Wahl Alfonsos bekannt ge¬ 
worden. Nicht nur die Gesandten Gfocester und Mansel, die 
doch gerade nach Matthäus Paris’ Darstellung ausgeschickt 
waren um die Gesinnung bei den einzelnen Fürsten aus¬ 
zukundschaften, nicht nur diese hätten davon nichts gewusst, 
nicht nur ihnen habe man die „vulpina electio regis 
Hispaniae“ 27 verheimlicht, auch der Kölner Erzbischof und 
seine Begleiter hätten bei ihrer Ankunft in London die Wahl 
des Spaniers mit Stillschweigen übergangen und wiederum 
ausdrücklich versichert, dass dem Grafen das deutsche Reich 
ohne jeden Widerspruch zuerkannt worden sei 28 . 

Am Ende des Jahres 1257 berührt Matthäus Paris diese 
Frage noch einmal. Er erzählt uns hier zunächst, dass Alfons 
von Kastilien in der deutschen Thronfolge an Heinrich von 
England appelliert und gegen die Wahl seines Bruders Ein¬ 
spruch erhoben habe 29 . Einige Seiten weiter berichtet er 
dann, dass erst jetzt alle diese peinlichen Gerüchte von der 


26. Thomas Wykcs 114 ff. 

27. Matth. Paris 622. 

28. Matth. Paris 624. 

29. Matth. Paris 649. 


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RivaHtät Alfonsos nach England gelangt seien. Der Spanier 
behaupte, er sei vor Richard erwählt worden, der Erzbischof 
von Trier und andere deutsche Fürsten ständen unerschütter¬ 
lich zu ihm 30 und der König von Frankreich unterstütze ihn 
ebenfalls mit Rat und Tat Aber das Recht des Königs von 
Deutschland, Richards, sei klar und unanfechtbar. Als im 
vergangenen Jahre zu London dem Herrn König und den 
Grossen von England seine Erwählung von den deutschen 
Fürsten angezeigt wurde, habe sich keine Spur von Wider¬ 
spruch gezeigt, ebensowenig später, als der Erzbischof von 
Köln mit vielen Grossen angekommen sei; keiner habe des 
Königs von Spanien und seiner Erwählung gedacht nicht 
einmal die so scharfsichtigen Kundschafter, die nach Deutsch¬ 
land geschickt worden waren 31 . 

Die erste Nachricht von dem Appell des Kastiliers an 
König Heinrich beruht auf Wahrheit. Alfons muss in der Tat 
einen Brief solchen Inhalts an ihn gerichtet haben. Hein¬ 
rich III. antwortete ihm darauf am 14. Dezember 1257 und 
teilte ihm mit, dass man in England, als über Richards Be¬ 
rufung zum Reich verhandelt wurde, nichts davon gewusst 
habe, dass Alfons sich ebenfalls um dasselbe bewerbe. Die 
deutschen Fürsten hätten zu Weihnachten feierliche Boten 
nach England geschickt, um den Willen Richards zu er¬ 
forschen, sodann wäre nach einigen Verhandlungen Richard 
zum König erwählt und als solcher am rechten Orte und 
vom rechten Manne gekrönt worden. Von Alfons’ Plänen 
hätten nicht einmal die deutschen Fürsten etwas verlauten 
lassen 32 . Von diesem Brief muss der Mönch nicht nur 
etwas gewusst, sondern er muss sogar das Original ein- 

30. Matthäus Paris kennt übrigens die Briefe Richards vom 
J8. Mai 1257, in denen der König auch unter anderem von dem Wider¬ 
stande des Trierer Erzbischofs berichtet . Vgl. Matthäus Paris 641. 
Vgl. auch die Additamenta 366 n. 189. 

31. Matth. Paris 649 u. 657 ff. 

32. Rymer 1 367. 


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gesehen haben, da seine eigene Darstellung dieser Ange¬ 
legenheiten und der Inhalt jenes Schriftstückes sich nahezu 
decken. 

Während aber Heinrich von England aus wohlberech- 
tigten politischen Gründen hier die Unwahrheit sagt, verfolgt 
Matthäus Paris hauptsächlich den Zweck, das englische 
Unternehmen in einem möglichst günstigen Lichte erscheinen 
zu lassen. Vor allen Dingen will er es gegen alle Vorwürfe, 
dass dies Königtum wegen der Doppelwahl und wegen des 
Zwiespaltes unter den deutschen Fürsten von vornherein 
ein verfehltes und aussichtsloses Unternehmen gewesen sei 
und deshalb hätte aufgegeben werden müssen, entschuldigen 
und in Schutz nehmen. Die Schuld an allem wird auf die 
Deutschen geschoben. Sie sind es gewesen, die in hinter¬ 
listiger und schlauer Weise die ehrlichen und vertrauens¬ 
seligen Engländer betrogen haben. „Haec icciroo huic iibello 
duxi annectendum, ut sciant posteri quam callide noverunt 
alieni Anglicanam simplicitatem circumvenire“ sagt Matthäus 
Paris, als er von den Gaben und Geschenken berichtet, die 
Richard dem Kölner und seinen Begleitern überreicht haben 
soll 33 . Diese Worte sind der Gipfel und zugleich der Schlüssel 
für seine ganze Art und Weise, die deutsche Königswahl 
darzustellen und zu behandeln. 

Bei der Abreise Richards nach Deutschland kommt 
Matthäus Paris auch auf die Geldsummen zu sprechen, die 
durch das deutsche Unternehmen von England verschleppt 
wurden. Hier gerät der Mönch in einen merkwürdigen 
Widerspruch. Während er früher einmal behauptet hat, der 
Schatz des Grafen Richard sei so gross, dass er an jedem 
Tage 100 Mark 10 Jahre hindurch ausgeben könnte, nicht ge¬ 
rechnet die Bezüge, die ihm aus seinen Einkünften in England 
und Deutschland erwüchsen 34 — das bare Vermögen des 


33. Matth. Paris 626. 

34. Matth. Paris 607. 


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Grafen müsste danach 365000 Mark betragen haben — reicht 
nun bei seinem Aufbruch nach Deutschland dieser Schatz 
des Königs nicht aus. Er muss zu fremden Geldquellen seine 
Zuflucht nehmen. Dieser Umstand veranlasst unseren 
Mönch, der sonst von Richard nur mit der grössten Hoch¬ 
achtung spricht, zu den gröbsten und gehässigsten Schmähun¬ 
gen. Er schimpft hier auf ihn genau so, wie er es sonst bei 
König Heinrich tut, wenn er sich über dessen kost¬ 
spielige auswärtige Unternehmungen auslässt. So spricht 
er in recht gehässiger Weise von dem Gebrauch, den Richard 
von der ihm durch Heinrich übertragenen Wechselbank 
machte 35 . Er nennt sein Vorgehen eine „extorsio inhumana*“ 
und sagt schliesslich, dass Richard „multa marcarum rnilia in 
multorum depauperationem aerario suo cumulavit“ Auch 
von dem reichen Kloster St. Alban hatte sich Richard an¬ 
scheinend Geld zu verschaffen gewusst, und zwar vor der 
Ueberfahrt nach Deutschland, während seines unfreiwilligen 
AufenthaltesL in Yarmouth. Matthäus Paris bezeichnet sein 
Vorgehen als eine Ungerechtigkeit gegen das Kloster, „quam 
honestius duximus sub silentio praetereundam quam paginae 
subscribendam 36 .“ Ein paar Seiten weiter jedoch, wo er 
wieder hierauf zu sprechen kommt, teilt er uns mit, dass 
Richard unter anderem einen Knaben, eine Waise, durch 
die List des Johann von Gatesdena seines Landes beraubt 
habe, und dass dieser elendiglich verarmt sei, so dass der 
Abt von St. Alban ihn hätte erhalten müssen. Zum Schluss 
gibt der Mönch dann die Geldsummen genau an, die Richard 
angeblich mit nach Deutschland genommen haben soll. 
700000 Pfund wären danach England mit einem Mal entzogen 
worden — „septies centena librarum milia, multis peccatis 
cruentata“ — ausserdem aber seien auch noch täglich neue 
Summen von seinen Einkünften in England nach seinem 
Reich fiinübergeschafft worden 37 . 

35. Matth. Paris 62Q. 

36. Matth. Paris 627. 

37. Matth. Paris 630. 


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Auch hierbei hat sich Matthäus Paris sicher starke Ueber- 
treibungen geleistet. Was die 700000 Pfund anbetrifft, so 
ist natürlich mit dieser Zahl ebensowenig anzufangen, wie 
mit jenen schon erwähnten 365 000 Mark. Gewiss hat 
Richard viel bares Geld mit nach Deutschland herübernehmen 
müssen, da er nur durch dieses sein Königtum zur Geltung 
bringen konnte. Die Tatsache jedoch, dass ihm schon im 
Verlauf des Jahres 1257 das Geld vollständig ausging, be¬ 
weist zur Genüge, dass derartig grosse Geldsummen nicht in 
seinem Besitze gewesen sein können. Ebenso muss sicher 
von der Daistellung der Eintreibung dieser Geldsummen viel 
gestrichen werden. Keine andere englische Geschichtsquelle 
berichtet davon, was doch sicher geschehen sein würde, 
wenn die Geldsummen in einer so unmenschlichen 
und für England so nachteiligen Weise eingetrieben 
worden wären. Auch geht ja aus der Erzählung von dem 
Knaben, den der König seiner Besitzungen beraubt haben 
soll, klar hervor, dass die Gehässigkeit sie dem Mönch in 
die Feder diktiert hat. Allerdings können wir die Geschichte 
nicht widerlegen und ihre Unwahrheit direkt nachweisen, 
doch bürgt uns der Charakter Richards schon dafür, dass 
sich dieser Vorgang sicher nicht in der Weise zugetragen 
haben kann, wie uns Matthäus Paris glauben machen will 38 . 

Die Nachrichten über Richards Anwesenheit und Fort¬ 
kommen in Deutschland sind bei Matthäus Paris fast ebenso 

38. Die Erklärung, die Gebauer S. 123 von diesen Vorgängen 
zu geben versucht hat, richtet sich auch gegen Matthäus Paris. Er 
sagt: „Was die Abtey zu St. Alban und sonderlich der junge Roger 
durch des Johannis von Gatesdene listige Erfindungen gelitten, 
ist ungewiss und dabei bekannt, dass die Herren Geistlichen, wie andere 
der Rechte unerfahrene Personen, gemeiniglich eine gantz andere 
Rechtsgelehrsamkeit haben, als die Rechte selbst verstatten, und 
daher zum öfteren den gerechtesten Richter einer Ungerechtigkeit 
ohne Scheu beschuldigen; dergleichen Auflage aber alsdann so wenig, 
als ihr vermeyntes und daher übergangenes Recht gegründet ist.“ 


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spärlich wie bei den anderen englischen Quellen. Von der 
Krönung des Königs in Aachen bis zu seiner Rückkehr nach 
England finden wir nur vereinzelte Bemerkungen, die aber 
immer des Ruhmes lund Lobes voll sind. Da Matthäus Paris 
hier das Prinzip verfolgt, nur die Erfolge Richards zu be¬ 
richten, alles andere aber wegzulassen, so geben sie uns 
zwar kein richtiges Bild von dem Königtum des englischen 
Grafen, sind aber doch im allgemeinen richtig und lassen 
sich nicht widerlegen. Die Unterstützung der Engländer 
durch Korn von Seiten Richards, die Anerkennung der 
italienischen Städte, die Anbahnung einer Verständigung 
zwischen Richard und dem Trierer Erzbischof, die Absendung 
der englischen Gesandten zu der* im November 1258 beab¬ 
sichtigten Zusammenkunft bei Cambray und der Ausgang 
derselben, alle diese Nachrichten 39 lassen sich auch durch 
andere Quellen erhärten und dürfen nicht angezweifett 
werden. 

Dagegen verschweigt uns der Mönch z. B., dass Richard 
schon im ersten Jahre in Geldnot geriet, was anderen eng¬ 
lischen Quellen nicht verborgen geblieben ist. Auch von dem 
Widerstand, den Richard bei einzelnen Städten und Herren 
fand, berichtet uns Matthäus Paris nichts. Ebenso ver¬ 
missen wir einen Bericht über den Ausgang der Verhand¬ 
lungen, die zwischen Richard und dem Trierer und Brabanter 
im Sommer 1258 angeknüpft sein sollen. Wir können daraus 
schliessen, dass sie ohne Erfolg geblieben sind. Falsch 
scheint die Angabe zu sein, dass Richard verpfändete Reichs¬ 
städte eingelöst haben soll 40 ; sie lässt sich weder durfrh 
Urkunden noch durch andere Quellen belegen. Vor allem 
ist das Verhältnis Richards, Alfonsos und des Papstes, wie 
es im Jahre 1258 zwischen ihnen bestand, von unserem 
Chronisten falsch dargestellt worden 41 . Wir werden den 


39. Matth. Paris 673, 674, 699, 720 ff. 

40. Matth. Paris 698 ff. 

41. Matth. Paris 694 ff. 


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spanischen König, von dessen Klugheit und Umsicht wir 
doch soweit ganz beachtenswerte Nachrichten haben, nicht 
für so naiv halten können, dass er an Richard Briefe ge¬ 
schickt haben könnte, worin er den Engländer unter Drohun¬ 
gen aufforderte, ihm sein Reich zu überlassen und sich 
eiligst daraus zu entfernen. Auch die Antwort Richards 
hierauf: „Wenn er kommt, um mich anzugreifen, so wird er 
mich bereit finden, ihm jenseits der Grenzen meines Reiches 
zu begegnen und ihn mit der Schärfe meines Schwertes zu 
empfangen“ werden wir nicht unbedingt glauben können. 
So gross ist die Kampfeslust damals wahrhaftig nicht ge¬ 
wesen, weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Der 
Bericht über das Verhältnis zu Richard und dem Papste ent¬ 
behrt nicht eines gewissen Kerns von Wahrheit. Wir wissen, 
dass Alexander IV. am Anfang des Jahres 1258 dem Engländer 
seine Gunst zugewandt und ihm höchstwahrscheinlich schon 
Hoffnungen auf die Kaiserkrone gemacht hatte. Da dies 
jedoch ganz im Geheimen geschehen war, so erscheint es 
völlig ausgeschlossen, dass der Papst bereits damals einen 
so ablehnenden Brief an Alfons geschrieben hat, wie ihn 
der Mönch dem Wortlaut nach zitiert, und dass Alexander IV. 
schon jetzt so energisch für Richard eingetreten sein soll, 
wie uns Matthäus Paris dies schildert, und wie es aus dem 
Inhalt jenes Briefes hervorgehen müsste. 

Zum Schlüsse sei noch bemerkt, dass Matthäus Paris 
auch eine ganze Anzahl von falschen Angaben bringt, die 
von keiner Tendenz geleitet zu sein scheinen, sondern auf 
grober Unkenntnis beruhen müssen. Einzelne sind darunter, 
die man ihm wirklich nicht zugetraut hätte. Während z. B. 
Thomas Wykes die Zahl der Kurfürsten in Deutschland genau 
kennt und auch weiss, welche Fürsten diese Würde ein¬ 
nehmen 42 , zählt uns der Mönch von St. Alban nicht weniger 
als 17 Fürsten Deutschlands auf, „ad quorum nutum pendet 

42. Thomas Wykes 112 ff. 


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oiTHfer h<*s tnaj-Ttaiij? sufH’retmsien-. ' •• » j 

Cdfcnde-tistV^ und dass dervtlbe den l ltei )) sane’i 
proth;u%’U!eeUanu>‘‘ führt. So- lässt ■ >m W-. ic.- 

Spruch mit allen übrigen Qu Heu, den i< . f -i... .. 
England vor Richard nach Deutschland dneiÄCi! 1 ’ und .ffr 
Magister Arlotus vuf Ostern in England ,>ai j*m u 

En 'würde rii'iveit führen, diese Dinm bi • • hie« 


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ha». Sie .'eigen un> einmal, dass seine ab!> 


darin liegt. Sic bestätigen um ferne/ 

Doliinger rrkaniit Und gfcsögt bst, : n^mlicb die »*?»»- 
Stellung des AU-am-f Monel.„ m. voller Irrt timet“ sei, . 
seine Erzählung, wo >u: nicht durch gleichzeitige Zeugnis^.:, 
oder durch t/rfeurixieii unierntützt wird, keinen oder nur gtr~ 


i*\ . Wj' 


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ringen Gfauhen verdient 17 .'* 


M. AtaUli. f'ans Hü 
41 Thomas Wvkc-.s lli. 

Ki. Vgl oben S 2~>, Amu. .11. 

IU Vi;i ->i).;i! S. di), Aiilii. et> 

1?. l.dirlilich <lei kiri’liengestii, JI 21U, Anm. I. 

'V'*V .*• ; v'-V' 





11 ftl l-ffr'rti'' : c‘ : .. 

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i V:-: a-'M.- : -• 

. s&gü&g&U :■ r \i\i- dW‘ >.:■ 

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HISTORISCHE STUDIEN 

Die Erwerbungspolitik 

Kaiser Karls IV. 


Zugleich ein Beitrag zur politischen Geographie 
des deutschen Reiches im 14. Jahrhundert. 


Von 


Siegfried Grotefend 

Dr. phil. 


HEFT LXVI 


Berlin 1909 


Nachdruck mit Genehmigung vom 
Matthiesen Verlag, Lübeck 


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Vaduz 
1965 


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